»Am nächsten Morgen erst kam die Amme, die jetzige Müller aus Vollmers, die aber natürlich nichts von dem Tausch wissen konnte. Aber andere Menschen mußten doch Verdacht geschöpft haben, denn es wurde in der nächsten Zeit viel davon gesprochen, und manche Leute haben sich wohl Mühe gegeben, um hinter die Wahrheit zu kommen. Aber die Heßberger, obgleich damals noch ein junges Weibsen, war ihnen Allen zu schlau, und an mich dachte Niemand; denn wer hätte sich auch denken können, daß der Baron den eigenen Knaben weggegeben, um einen andern einzutauschen? Im Anfang weinte ich auch viel, und der Betrug schnitt mir in die Seele; aber die Schwester wußte mir Alles so golden hinzustellen, und wie wir jetzt viel Geld kriegen und reich und mein Sohn ein vornehmer Herr werden würde, und als mein Mann nach Hause kam, mit keiner Ahnung des Geschehenen, und mit dem Knaben auf dem Arme jubelnd in der Stube herumsprang, da wußte ich, daß er ihn eben so lieb haben würde, als ob es sein eigenes Kind gewesen wäre, und schwieg.«

»Also versteh' ich daraus,« sagte der Staatsanwalt, dessen klares und durchdringendes Auge fest, aber nicht unfreundlich auf der Frau haftete, »daß der Baron von Wendelsheim, oder mehr noch seine Schwester, ohne Vorwissen der Mutter einen Tausch des Kindes beabsichtigten, falls es ein Mädchen sei, und daß Ihre Schwester, trotzdem daß dem Baron ein Knabe geboren wurde, den Tausch ausführte und den Baron wie dessen Schwester glauben ließ, es sei eben ein Mädchen gewesen, nur um sich die ausgestellte Belohnung zu sichern.«

»So war es,« nickte die Frau still vor sich hin – »so war es.«

»Und hat sich der Baron selber später nie um sein wirkliches Kind bekümmert, nie es sehen wollen?«

»Doch,« nickte die Frau. »Da ich immer Angst hatte, daß das Verbrechen trotzdem an den Tag kommen könnte, beruhigte mich meine Schwester, indem sie mir alle getroffenen Vorsichtsmaßregeln erzählte. Auf einem Dorfe in der Nachbarschaft war wenige Tage nachher ein acht Tage altes Mädchen gestorben – dessen Todtenschein verschaffte sich meine Schwester und brachte ihn dem Baron, der von da an glaubte, sein eigenes Kind sei todt, und auch nie wieder seit der ganzen Zeit danach gefragt hat.«

»Das ist eine durchtriebene Person,« nickte der alte Anwalt vor sich hin. »Und welchen Lohn erhielten Sie dafür?«

»Ach, viel, viel Geld!« seufzte die Frau. »Mein Theil betrug, wie mir die Schwester sagte, dreitausend Thaler, und sie wußte das ebenfalls so einzurichten, daß mein Mann – ein gutes, ehrliches Herz außerdem – glauben mußte, es sei eine Erbschaft, die ich erhoben. Aber in so fern habe ich wenigstens gut gemacht, was ich konnte, und Alles, was in unseren Kräften stand, und was wir besonders mit Hülfe jener Summe ersparen konnten, auf die Erziehung des Pflegekindes gewandt. Fritz hat gewiß seine Mutter nie so vermißt, wie ich nach meinem eigenen Kind gejammert habe. Aber jetzt kann es nichts mehr helfen. Die Sache ist allerdings schon vor den Gerichten, und wenn sie den alten Baron und das gnädige Fräulein vorfordern, so müssen die wohl bekennen, doch sie können den Fritz damit nicht mehr retten, denn das dauert zu lange, und die Zeit verfliegt – er soll den Mord schon bekannt haben und ist zum Tode verurtheilt; aber er darf nicht sterben. Mit dem Sohn des Schlossermeisters Baumann machen sie wenig Umstände, das weiß ich. Die Volkert hat ganz recht: was liegt an solch einem armen Menschen und daran, was ihn dazu getrieben! Anders wird es aber, wenn sie erfahren, daß es ein Baron von Wendelsheim, der Erbe von so vielem Geld ist, den sie im Gefängniß halten, und den werden, den dürfen sie nicht tödten.

»So,« sagte die Frau, indem sie mühsam nach Athem rang, »jetzt haben Sie Alles gehört, was ich verbrochen, was mich hiehergetrieben. Ich weiß, daß ich damit Schmach und Schande auf mein eigenes Haupt lade; ich weiß, daß mein eigener Sohn, den ich reich und vornehm machen wollte, arm und niedrig wird, wie wir selber sind; ich weiß, daß ich Unglück über uns Alle bringe, aber Blut – Blut soll nicht vergossen werden, nicht meinethalben – nicht meinethalben. Ich habe Sünde genug auf dem Gewissen, aber ich will kein Blut darauf haben – um des Himmels willen kein Blut!«

Die Frau war erschöpft in ihrem Stuhl zusammengebrochen, und Witte sprang empor, denn er fürchtete, daß sie zu Boden fallen könnte; aber es war nicht körperliche Schwäche, sondern allein nur vollständige geistige Ermattung gewesen, die sie erfaßte, und dagegen glaubte er ein Mittel zu wissen. Er hatte in seiner Stube eine Flasche mit gutem Rum stehen; den holte er vor, goß ihr einen Theil davon unter das noch übrig gebliebene Wasser und hieß sie das trinken. Die Frau nahm es auch und that einen Schluck; aber sie war geistige Getränke nicht gewohnt und setzte es, innerlich schaudernd, wieder ab. Der Staatsanwalt dagegen schenkte sich ebenfalls ein Glas ein; er fühlte sich so aufgeregt, daß er etwas Derartiges bedurfte; aber er schüttelte sich nicht, und erst in der Stube ein paarmal auf und ab gehend, blieb er endlich wieder vor der Frau Baumann stehen.

»Und Ihr Sohn,« sagte er, »oder der Baron Friedrich von Wendelsheim, der er eigentlich ist, hat noch keine Ahnung von seinem Stande?«