»Na, weiter fehlt mir nichts,« sagte die Dame; »aber ich hatte vorher noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hieher gekommen, Herr Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.«

»Mich?« lachte der Schlossermeister. »Da wären Sie wohl an der falschen Thür; ich bin doch kein Advocat.«

»Ja, eben einen guten, anständigen Advocaten will ich bei Ihnen erfragen,« sagte die Frau; »es giebt derlei Volk genug in der Stadt, alle drei Thüren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt, ist auch gleich verrathen und verkauft.«

»Hm,« sagte Baumann, »und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.«

»Das weiß ich,« nickte Madame Müller entschieden mit dem Kopf, indem sie sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederließ. »Ah, da ist ja auch der Fritz – alle Wetter, ist der groß und ein hübscher Junge geworden, Baumann! Der ist ja einen halben Kopf größer als Sie, und Sie gehören auch nicht mit zu den Kleinsten.«

»Ja, und jetzt Meister und selbstständig geworden,« nickte der Vater mit einem beifälligen Lächeln auf den Sohn; »er hat 'was gelernt, der Junge, das muß man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.«

»Dafür kann man Gott nicht genug danken,« nickte die Frau, »wenn man Freude an seinen Kindern erlebt – aber was ich gleich sagen wollte, Meister, wissen Sie hier in der Nähe einen ordentlichen Advocaten, der weiß, was Rechtens ist?«

»Das sollten sie eigentlich alle wissen,« lächelte der Meister, »aber es kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht verschmitzten und durchtriebenen, so...«

»Nein, den brauch' ich nicht,« rief Madame Müller; »ich will einen ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche Sache!«

»Ja, liebe Madame Müller,« sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, »mit den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath hören wollen, dann gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einläßt, weiß ich nicht, aber was der Ihnen sagt, können Sie getrost thun, denn das ist ein ehrlicher Mann.«