Der Weg war auch nicht so weit; gleich in der andern Straße wohnte der Staatsanwalt, und mit einem unwillkürlich aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer schritt jetzt Fritz Baumann seinen Weg entlang. Allerdings war er noch immer unschlüssig, wie er es machen, ob er zuerst Ottilie selber oder lieber ihren Vater aufsuchen solle. Der alte Witte, das wußte er, hatte ihn gern und sich oft mit ihm über seine künftigen Pläne und Aussichten unterhalten. Aber nützte ihm das bei der Tochter? Wenn ihn Ottilie wirklich liebte, brauchte es da der Zureden des Vaters? Und doch beschlich ihn wieder ein recht fatales Gefühl, wenn er an das dachte, was sein eigener Vater vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Es war nur zu wahr, daß eine Menge adeliger Herren mit dem Hause verkehrten, und als er am Abend jenes Balles unter den erleuchteten Fenstern vorüberging, gab es ihm selber einen Stich durch's Herz. Aber damals konnte sie ihn eigentlich noch gar nicht einladen, und wie lieb hatte sich Ottilie gegen ihn gezeigt, ja, wie deutlich bewiesen, welchen Antheil sie an ihm nehme, als er ihr an jenem Tage mittheilte, daß er selbstständig geworden. War ihr in jenem Augenblick das Blut nicht in einem wahren Strom in die Schläfe gestiegen, und wie gut, wie herzig hatte sie dabei ausgesehen! Daß auch gerade damals der alberne Ballbesuch kam – er war so auf dem besten Wege gewesen und hätte vielleicht damals schon die Gewißheit seines Glückes bekommen.
Aber es war selbst jetzt noch nicht zu spät, und heute, besonders unmittelbar nach dem schlechten Wetter, kaum eine Störung zu befürchten. Er wollte es auch ganz dem Zufall überlassen, mit wem er zuerst sprach, mit dem Vater oder der Tochter, wen er zuerst traf – nur nicht mit der Mutter, denn zu der hatte er selber kein rechtes Vertrauen und nie recht warm in ihrer Gegenwart werden können.
Aber, lieber Gott, wie rasch ihm diesmal die Zeit verflossen war! Er befand sich schon im Hause, schon auf der Treppe, ehe er nur eigentlich selber wußte, wie er dahin gekommen. Und wie schwer ihm die Füße wurden, als er die Stufen hinanstieg, so merkwürdig schwer, und sonst war er sie so leicht hinaufgesprungen! Aber es konnte nichts mehr helfen; er mußte vorwärts. Wie hatte er sich auch nach dem Augenblick gesehnt! Jetzt war er ja da, und er selber nur thöricht und zaghaft, wenn er sich davor fürchtete. Er stieg auch mit festen Schritten die wenigen Stufen hinan, die ihn noch von dem Vorsaal trennten, und wollte sich eben entschlossen nach links wenden, wo er Ottiliens Zimmer wußte, als der Staatsanwalt selber von dort herauskam und auf seine eigene Stube zuging. Als er den jungen Mann bemerkte, rief er freundlich aus:
»Ah, lieber Baumann, wollen Sie zu mir? Kommen Sie hier herein!« Und damit, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt er in sein Büreau, dessen Thür er hinter sich offen ließ.
Fritz Baumann konnte jetzt gar nicht anders, als ihm folgen, und nahm das für einen Fingerzeig, denn ein wenig abergläubisch sind wir ja Alle mit einander. Er sollte zuerst mit dem Vater sprechen, und es war vielleicht auch besser so.
Vorn im Büreau saßen und standen fünf verschiedene Schreiber in einem nicht überhellen Gemach; die Leute kritzelten mit ihren Federn und warfen kaum einen Blick darüber hin nach dem Eingetretenen. Ihr Chef war gerade wiedergekommen, und der mußte sie thätig bei der Arbeit finden. Gleich dahinter hatte der Staatsanwalt sein Privatzimmer, und als Fritz Baumann das hinter demselben her betrat, drückte er die Thür in's Schloß, denn die Schreiber brauchten gerade nicht zu wissen, um was es sich hier handle.
»Nun, mein lieber Baumaun,« sagte der Staatsanwalt in seiner cordialen Weise, »was führt Sie zu mir? Setzen Sie sich – Sie rauchen doch?«
»Ich danke freundlichst – heute nicht,« lehnte der junge Mann ab.
»Heute nicht?« lachte Witte, indem er sich die eigene Cigarre anzündete. »Es ist doch nicht etwa Ihr Geburtstag oder sonst eine feierliche Gelegenheit?«
»Lieber Herr Witte,« sagte Fritz, dem es jetzt fast die Kehle zusammenschnürte, »ich – bin allerdings aus einer ganz eigenthümlichen Ursache zu Ihnen gekommen.«