»Wissen Sie noch, was wir damals spielten, Ottilie?«
Ottilie erschrak. Bei ihrem bloßen Vornamen hatte sie Baumann seit jener Zeit nie wieder genannt, und sie erinnerte sich auch, was sie hauptsächlich zusammen gespielt hatten: Braut und Bräutigam. Jetzt wurde ihr klar, was ihr früherer Spielgefährte von ihr wollte, weshalb er so feierlich auftrat. Wieder erblaßte sie auch und wurde dann feuerroth, fühlte aber zu gleicher Zeit, daß sie jeder Erklärung, so lange es noch Zeit war, zuvorkommen müsse, und sagte rasch:
»Lieber Himmel, Herr Baumann, was spielen Kinder nicht oft mit einander! Aber die Zeiten sind jetzt vorüber, Sie ein gereifter Mann geworden, ich bin ebenfalls aus den Kinderschuhen gewachsen; lassen wir die alten Sachen ruhen. Was wollen Sie mich denn fragen? Sie entschuldigen, ich muß zum Vater hinüber.«
»Ihr Vater schickt mich gerade zu Ihnen.«
»Mein Vater? Aber weshalb?«
»Ich kann nicht lange Worte machen, Ottilie,« brach jetzt Baumann durch alle Hindernisse. »Schon neulich sagte ich Ihnen, daß ich selbstständig geworden sei und jetzt beabsichtige, einen Hausstand zu gründen. Wollen Sie mir darin helfen? Wollen Sie mein Weib werden? Seit meiner frühesten Jugend trage ich Sie im Herzen, nie hat der Gedanke an ein anderes Wesen meine Brust erfüllt. Sehen Sie den Groschen hier, den Sie mir vor einiger Zeit gaben? Wie ein Heiligthum trage ich ihn seitdem auf meinem Herzen. Ich weiß,« fuhr er bewegt fort, als Ottilie erbleichend schwieg, »ich bin nicht aus vornehmem Stand, und Glanz und Rang kann ich Ihnen nicht bieten, aber ein treues Herz, Ottilie, und einen geachteten, ehrlichen Namen. Mein Auskommen habe ich auch; Sie sollen wahrlich an meiner Hand weder Noth noch Sorge kennen lernen, und wenn Ihr Herz nur ein klein wenig...«
»Halten Sie ein, Herr Baumann,« unterbrach ihn Ottilie mit fast tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme, »Gehen Sie nicht weiter und hören Sie mich erst an.«
Baumann erschrak wirklich über die Blässe, die plötzlich alle Farbe aus ihren Wangen trieb, nur ihre Augen hatten einen ganz merkwürdigen Glanz angenommen, aber ihr Ausdruck war nicht mehr so freundlich, als vorher. Das Mädchen jedoch, während sie sich mit der Hand an dem nächsten Tisch stützte, fuhr mit immer fester werdender Stimme fort:
»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich zu setzen scheinen. Man sagt ja, daß ein jeder solcher Antrag ein junges Mädchen ehrt, und ich darf mich deshalb nicht gekränkt dadurch fühlen. Was aber Ihre Liebe betrifft, so thut es mir leid – ich kann sie nicht erwiedern.«
»Ottilie!«