»Es ist nothwendig, daß wir offen gegen einander sind,« fuhr die Jungfrau fort, und ihr Auge blitzte dabei wie in verhaltenem Zorn, »schon deshalb nothwendig, um jedes Mißverständniß für die Zukunft zu vermeiden: nehmen Sie daher die Versicherung, daß ich niemals Ihre Gattin werden kann und will.«
»Sie haben kein Recht zu dieser Frage,« erwiederte das junge Mädchen mit eisiger Kälte. »Wenn ich als Kind nicht den Unterschied kannte, der uns von einander trennt, so darf man das dem Kinde wohl verzeihen. Sie werden mir gestatten, daß ich mich jetzt in die Schranken, die mir von der Gesellschaft geboten sind, zurückziehe.«
Baumann sah das junge, wirklich selbst in ihrem Zorn bildschöne Mädchen groß und fast erstaunt an. Das war kein liebes, sanftes Herz, wie er es sich in dieser Brust gedacht; das war nichts als eitler Stolz und Hochmuth, der diese Worte sprach, und die Jungfrau, wenn sie auch ihre Worte milderte, stand ihm in der That genau so gegenüber, als ob er sie auf das Tödtlichste beleidigt hätte. Ihm selber stieg jetzt das Blut in die Stirn, denn er schämte sich der Rolle, die er hier spielte, obgleich er in der ehrlichsten Absicht hergekommen. Das war nicht die Tochter ihres Vaters, das war die Tochter ihrer Mutter, und wie er nur fühlte, daß hier jedes weitere Wort vergeblich sei, ja, seine Lage nur unangenehmer machen konnte, sagte er artig, aber jetzt ebenfalls nur kalt und höflich:
»Fräulein Ottilie, ich muß Sie um Verzeihung bitten, ich wußte nicht, daß Ihr Verstand schon so vollständig Ihrem Herzen über den Kopf gewachsen war. Ich bin mir jetzt unserer beiderseitigen Stellung bewußt, und seien Sie versichert, ich werde Ihnen nie wieder lästig fallen.«
Ottilie wurde blutroth. Das klang wie ein Vorwurf, und während sie vielleicht fühlte, daß sie ihn verdient hatte, empörte sich doch auch wieder ihre Eitelkeit dagegen, auch nur Aehnliches von dem Handwerker zu ertragen. Fritz Baumann ließ ihr aber keine Zeit, zu irgend einem Entschluß zu kommen. Er verbeugte sich kalt – sein Hut stand neben ihm auf dem Tisch –, und wenige Secunden später schloß sich die Thür hinter ihm.
Fritz Baumann dachte auch nicht daran, den Staatsanwalt wieder aufzusuchen. Er konnte ihn jetzt nicht sprechen, denn die Thränen standen ihm in den Augen, und Hals und Kehle waren ihm wie zugeschnürt. Aber nicht der Schmerz um eine verlorene Geliebte trieb ihm das Wasser zwischen die Wimpern, sondern weit mehr verletztes Ehrgefühl.
Ottilie verachtete in ihm den Handwerker, der es gewagt hatte, zu ihr, der vornehmen Dame, die Augen zu erheben, und was war sie? Eines Advocaten Tochter, eines Bürgers der Stadt, wie sein alter, braver, von Allen geachteter Vater ebenfalls Bürger war. Er biß die Zähne zusammen und stieg langsam die Treppe hinab.
»Ein Korb,« murmelte er dabei, »ein Korb in aller Form, und wie ertheilt – so höhnisch, so kalt, so herzlos!« Was war ihr der Jugendgespiele, was die Liebe, die er für sie im Herzen trug!
So schritt er über die Straße hinüber, so die Bahn entlang nach seines Vaters Hause, und erst als er dort auf der Schwelle stand, zögerte er wieder, denn er schämte sich, dem alten Mann unter die Augen zu treten. Hatte der es ihm nicht vorausgesagt? Aber das konnte er nicht wissen; kein Mensch konnte hinter so lieben, treuen Augen solche Eitelkeit, eine so herzlose Brust vermuthen. Und wie würde jetzt das überstolze Mädchen auf ihn herabsehen, wenn sie ihm je wieder begegnete! Und konnte er sie denn hassen? Er schüttelte traurig vor sich hin den Kopf. Ach, zu lange hatte er jenes selige Gefühl der Liebe mit sich herumgetragen, um es jetzt so rasch und plötzlich gegen Haß umzutauschen!