6.
Staatsanwalt Witte zu Hause.

Der Staatsanwalt Witte war indessen durch den Antrag des jungen Technikers ebenso überrascht worden, wie seine Tochter selber, ohne aber auch nur für Einen Moment seinen praktischen Standpunkt zu verlieren. Er hatte allerdings keine Ahnung gehabt, daß nach dieser Richtung hin bei Ottilien eine Neigung im Aufkeimen wäre – weit eher nach anderer, und das mußte doch der Fall sein, sonst würde der junge, sonst so schüchterne Mann nicht gleich mit einem directen Antrage vorgetreten sein. Aber er wäre nicht böse darüber gewesen, denn er kannte Fritz Baumann als einen strebsamen, ordentlichen und fleißigen jungen Techniker, und gegen die Eltern war ebenfalls nichts einzuwenden. Ein etwas »vornehmerer« Schwiegersohn wäre vielleicht auch ihm recht gewesen, aber er dachte doch zu vernünftig, um das ein Hinderniß sein zu lassen, wenn Ottilie selber ihr Glück darin sah – that sie das aber wirklich?

Er ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab und dachte gar nicht an Arbeiten, denn wichtigere Dinge kreuzten ihm jetzt das Hirn – die Zukunft seines einzigen Kindes. Allerdings wollte die Mutter – das wußte er gut genug – hoch mit ihr hinaus, und ihr wäre eine derartige Verbindung ein bedeutender Strich durch die Rechnung gewesen; bei ihr fanden sie deshalb auch gewiß noch hartnäckigen Widerstand – aber neigte sich denn nicht Ottilie selber ganz den Ansichten der Mutter, und sollte sie die so auf einmal und so plötzlich gewechselt haben?

Der Staatsanwalt blieb plötzlich in der Stube stehen. Wenn er nun selber einmal zu seiner Tochter hinüberging – aber das verdarb am Ende mehr, als es gut machte. Er hätte auch nicht einmal zureden können und mögen, denn – eine brillante Partie war es immer nicht; aber er würde auch nicht abgeredet haben. Es war besser, er ließ der Sache eben ihren natürlichen Lauf.

Draußen auf dem Gang wurde eine Thür geöffnet und hastig wieder geschlossen; er hörte es deutlich, denn seine eigene, in das Schreibzimmer führende Thür stand noch offen – das konnte doch nicht schon der Brautwerber gewesen sein – vielleicht seine Frau. Er schritt hinaus über den Vorsaal in seiner Frau Wohnstube, um dort aus dem Fenster auf die Straße zu sehen. Wahrhaftig, dort ging der junge Baumann mit raschen Schritten gerade über den Weg!

»Abgelehnt,« nickte er leise vor sich hin – »ob ich es mir denn nicht gedacht habe – armer Junge – aber es ist, wie ich gefürchtet: das Mädel hat, wie man so sagt, große Rosinen im Topfe, und ihre Mama quellt sie noch auf.« – Er zuckte mit den Achseln. – »Ich kann's nicht ändern, und das Gescheiteste wird sein, ich thue, als ob ich gar nichts von der ganzen Geschichte wüßte.«

Damit drehte er sich um und glitt wieder – dieses Mal mit geräuschlosen Schritten – in sein Büreau hinüber, wo er sich an sein Pult setzte und arbeitete. Er wollte das Ganze ruhig an sich kommen lassen.

Eine gute Viertelstunde, vielleicht etwas länger, mochte er so ungestört geblieben sein, als einer seiner Schreiber den Kopf in die Thür steckte und sagte: »Herr Staatsanwalt, es ist eine Frau hier, die Sie selber zu sprechen wünscht.«

»Wer ist es?«

»Die Frau Müller aus Vollmers.«