»Soll herein kommen,« sagte der Staatsanwalt mürrisch; er hatte den Kopf voll und die Störung war ihm nicht gelegen.
»Guten Tag, Herr Advocat!« sagte Madame Müller, indem sie sich in der Stube nach einem Platz umsah, wo sie ihren Schirm abstellen konnte, denn sie brauchte ihre Hände für den Strickbeutel.
»Guten Tag, liebe Frau! Was wünschen Sie?«
»Sehen Sie, Herr Advocat,« sagte Madame Müller, indem sie den Schirm glücklich hinter dem Sopha anbrachte, »ich bin die Frau Müller aus Vollmers, und daß mir kein Mensch 'was Böses oder Schlechtes nachsagen kann, das will ich Ihnen beweisen. Da, hier,« fuhr sie fort, indem sie ein ganzes Paket Schriftstücke aus ihrem Arbeitsbeutel nahm, »ist mein Tauf- und Impfschein, mein Confirmations-Zeugniß, mein altes Dienstbuch, denn ich.....«
»Meine gute Madame,« sagte Witte ruhig, »Sie sind hier mit ihrer Beschwerde am unrechten Platz. Daß Sie eine brave, rechtliche Frau sind, glaube ich Ihnen auf Ihr Wort, aber ich habe mit der Sache....«
»Na, aber dann brauchen auch so ein paar alte Schleicher nicht zu mir in's Haus zu kommen,« rief die Frau entrüstet, »und mir alle möglichen Grobheiten und Injurien zu sagen!«
»Liebe Madame Müller,« sagte Witte ungeduldig werdend, »Sie sind hier an den vollkommen unrechten Ort gerathen; denn wenn Sie, wie ich nach Ihren Reden vermuthen muß, in Ihrem eigenen Hause beleidigt wurden, so gehen Sie einfach auf die Polizei und beschweren sich dort. Einen Advocaten haben Sie dazu überhaupt nicht nöthig.«
»Aber ich will einen haben,« sagte die Frau ganz entschieden, »denn wenn ich gegen ein paar so vornehme Herren auf die Polizei gehe, so steckt die mit ihnen durch, und Unsereiner kann mit langer Nase wieder abziehen.«
Witte lachte. »Sie haben gute Ansichten von der Polizei, aber Sie sind im Irrthum; ob Sie ein Baron oder ein Graf oder wer sonst beleidigt hat, bleibt dasselbe – die Gesetze sind für Alle gleich. Aber jetzt, liebe Madame, bitte ich Sie, mich zu entschuldigen; ich bin sehr beschäftigt und habe auch mit der Sache gar nichts zu thun. Gehen Sie nur auf die Polizei.«
»Nein,« sagte die Frau – »Gott bewahre Einen vor der Polizei! Einen Advocaten will ich haben, und wenn's auch kein Baron oder Graf war, so war's doch ein Major und ein Rath, und den Rath besonders, den Herrn Frühbach, den soll mir der Advocat drangsaliren, daß er schwarz wird!«