»Rath Frühbach – und ein Major?« sagte Witte, plötzlich aufmerksam werdend, denn er mußte an den verbissenen Major von Halsen denken. »Wie hieß der Major?«
»Halsen,« sagte die Frau, »Major von Halsen.«
»Und der soll Sie in Ihrem eigenen Hause beleidigt haben?« sagte der Staatsanwalt kopfschüttelnd. »Das ist wohl nur ein Irrthum, liebe Frau, denn der alte Herr kränkelt fortwährend und wäre kaum zu Ihnen nach Vollmers gekommen.«
»Irrthum? Ja, schöner Irrthum!« rief die Frau. »Kränklich sieht er aus, denn er humpelte an einem Stock herum. Aber wo soll da ein Irrthum herkommen, wenn er mir in meinem eigenen Hause sagt – das heißt, der Rath, nicht der Major –, das Bild, das über meinem Sopha hängt, wäre nicht meine Tochter, sondern die Tochter vom Baron von Wendelsheim, und daß ich die Kinder vertauscht hätte, wo ich den jungen Baron selber auf meinen eigenen Armen zehn volle Monate herumgetragen und genährt habe.«
»Von Wendelsheim?« sagte Witte, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl herumgerückt war, jetzt plötzlich aufmerksam werdend. Dahinter stak wieder der unglückliche Major, so viel war sicher, und hatte jetzt, wie es schien, seinen tollen Verdacht so weit getrieben, um einen Eclat herbeizuführen. Witte selber fing aber an, sich nach den Vorgängen von heute Morgen mehr und näher für den Namen Wendelsheim zu interessiren. Seine Tochter mußte eine andere Neigung haben, oder sie hätte den Freier nicht so rasch und entschieden abgewiesen, und er wünschte nun wenigstens der Klagesache auf den Grund zu kommen, um wo möglich ein Oeffentlichwerden der fatalen Rederei zu verhindern. Anstatt die Frau deshalb abzuweisen, legte er die Feder hin, drehte sich auf seinem Stuhl herum und sagte: »Dann lassen Sie wenigstens einmal hören, was die Herren von Ihnen gewollt haben; bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie ein wenig leiser.«
Madame Müller verlangte nichts weiter, als einen Platz zum Sitzen und eine Aufforderung zum Reden, und begann nun auch ohne Säumen mit ihrer gewöhnlichen Weitschweifigkeit nach allen Himmelsrichtungen hin auszuholen. Witte war aber nicht der Mann, der ihr das hingehen ließ. Wie er nur erst einmal herausbekam, worauf es abzielte, hielt er sie auch in dem Geleise, und wenn sie nach links oder rechts ausbrechen wollte, schnitt er ihr augenblicklich den Faden ab und brachte sie wieder in die richtige Bahn. So hatte er denn auch nach einer kleinen halben Stunde, denn die Zeit gebrauchte Madame Müller doch, um sich gehörig zu entwickeln, nicht allein den größten Theil ihrer Lebensgeschichte – so weit sich dieselbe nämlich auf das Wendelsheim'sche Haus und die spätere Zeit bezog –, sondern auch die genauen Vorgänge jenes Morgens erfahren, wo der Major und der Rath Frühbach so schmählich abgefahren waren. Wiederholt producirte dabei Madame Müller jenen ganzen Stoß von Papieren, der ihre Unschuld bekräftigen sollte, wenn der Staatsanwalt überhaupt noch an derselben gezweifelt hätte. Witte wies sie jetzt auch nicht ganz zurück, sondern blätterte sie durch, um den Tag zu erfahren, an welchem sie damals zuerst in Wendelsheim'sche Dienste, und zwar als Amme, eingetreten war; das Datum notirte er sich und schnürte das Paket dann wieder zusammen. Uebrigens stimmte dasselbe genau mit ihrer Angabe, und das wußte er schon selber aus früheren Nachforschungen, daß die Frau wirklich erst in der Nacht, und zwar mehrere Stunden nach der Geburt des Kindes, durch den herrschaftlichen Kutscher in einem verschlossenen Wagen aus ihrem Heimathsort abgeholt worden sei und die Wartung des Säuglings dann übernommen habe. Die Madame Müller machte dabei den Eindruck einer zwar etwas derben und überschwatzhaften, aber doch grundehrlichen Frau, und der Staatsanwalt mußte nur im Stillen für sich lachen, wenn er sich die Scene dachte, wo Frühbach und der Major einen Angriff auf sie versucht hatten, es natürlich so ungeschickt als möglich anfingen und mit einem Donnerwetter und völlig geschlagen wieder abziehen mußten. So gern er aber dem Major sowohl wie dem Rath eine kleine Lection gegönnt hätte, die nicht ausblieb, wenn die Sache vor Gericht kam, so durfte er es doch nicht so weit gehen lassen, schon des unausbleiblichen Geredes wegen, das darüber entstanden wäre. Er freute sich jetzt ordentlich, die Frau nicht gleich abgewiesen zu haben, und es galt jetzt nur, sie von ihrer Klage abzubringen. Uebrigens zeigte sich das gar nicht so leicht, denn Madame Müller hatte einen ganz entschiedenen Charakter wie ihren eigenen Kopf, und Witte wurde deshalb höflich.
»Liebe Madame,« sagte er, als sie ihren letzten Satz damit schloß, daß er jetzt eine ordentliche und tüchtige Klage gegen die »beiden Subjecte« aufsetzen solle – »die Anklage oder Verdächtigung der beiden Herren ist viel zu ungeschickt und leer, als daß Sie darauf das geringste Gewicht legen könnten – kein vernünftiger Mensch wird deshalb etwas Derartiges von Ihnen glauben.«
»Und deshalb sollen sie mir gerade an's Messer,« sagte Madame Müller, indem sie auf ihren Strickbeutel klopfte: »da drinnen steht's, daß ich mir von solcher – Bagage meinen ehrlichen Namen nicht brauche verschimpfiren zu lassen!«
»Davon rede ich nicht,« sagte der Staatsanwalt, »das ist eine Sache, die sich von selbst versteht; aber Sie sehen mir gerade so aus, als ob Sie auch praktischer Natur wären – hab' ich nicht recht?«
»Na, ich sollte denken,« sagte die Frau, »wenn man sich einmal so lange in der Welt herumgetrieben hat....«