»In der That, Herr Staatsanwalt,« sagte seine Frau, die jetzt auf den ironischen Ton umsprang, »und der Schuhmacher Heßberger als Schwäher mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« wäre Ihnen auch wohl einerlei, wie? Noch dazu, wenn die alte Kartenlegerin, die Heßberger, uns ihren Besuch als nächste Verwandte machte?«

»An das Lumpengesindel habe ich wirklich gar nicht gedacht,« sagte der Staatsanwalt doch etwas verlegen.

»Nun, dann ist es nur ein Glück,« rief seine Frau, »daß andere Menschen mehr Ueberlegung haben. Das sag' ich Dir aber, Dietrich, wenn sich meine Tochter so weggeworfen hätte, nicht Einen Schritt wäre ich ihr über die Schwelle gekommen oder hätte geduldet, daß Einer ihrer Sippschaft die meine überschritte!«

Der Staatsanwalt warf den Kopf ungeduldig herüber und hinüber, denn er besaß zu viel gesunden Menschenverstand, um nicht das Haltlose einer solchen Behauptung einzusehen. Aber die Sache war einmal erledigt, wozu also noch einen häuslichen Zwist deshalb heraufbeschwören, was er durch Widersprechen jedenfalls gethan haben würde. Er setzte sich auf einen Stuhl und sah aus dem Fenster.

»Und diese Unverschämtheit von dem Menschen,« fuhr aber Frau Witte fort, die noch lange nicht alle ihre Trümpfe ausgespielt hatte, »so etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen; daß er nur die Stirn haben konnte, dem Mädchen gegenüber zu treten!«

»Na, das nimm mir aber doch nicht übel, liebes Kind,« sagte jetzt der Staatsanwalt, dem das ein wenig zu stark wurde, »so groß ist denn doch die »Unverschämtheit« nicht, wie Du Dich ausdrückst; er ist aus einer bürgerlichen Familie, und wir sind nichts Besseres.«

»Nichts Besseres?« rief Madame Witte, die heute aus ihrem Erstaunen gar nicht herauskam. »Witte, ich begreife Dich nicht. Du, einer der ersten Staatsbeamten, der geachtetste Rechtsgelehrte in der ganzen Stadt, zu dessen Gesellschaften sich der Adel drängt, und Herr Fritz Baumann, der Neffe vom Schuster Heßberger, den man seines ekelhaften Tabaksgeruches wegen nicht einmal in's Zimmer läßt, wenn er ein paar geflickte Schuhe zurückbringt!«

»Ach was,« sagte der Staatsanwalt, »Baumann ist nicht der Sohn von dem Schuster, sondern nur der Neffe, und überdies die ganze Sache abgemacht. Ottilie hat ihm einen Korb gegeben, und er wird sich jetzt nach einer andern Frau umsehen.«

»Das hoffe ich auch,« sagte die Frau Staatsanwalt, und warf den Kopf so weit zurück, daß sie auf ihren Gatten herabsehen mußte; »und er wird jetzt doch auch aller Wahrscheinlichkeit nach so klug geworden sein, um nicht wieder eine Familie wie die unsere mit seiner Zudringlichkeit zu belästigen. Was aber der Mensch für ein Glück hat, daß ich nicht zu Hause war!«

Jetzt wurde es aber dem alten Witte doch zu bunt; er hatte schon die ganze Zeit den Kopf geschüttelt, nun hielt er es für nöthig, einzuschreiten, und auf seinem Sitz herumfahrend, rief er aus: »Und was ist denn die unsere für eine so großbrodige Familie, daß ein braver Techniker sie entehren würde, wenn er hinein heirathete? Dein Vater war ein Subaltern-Beamter mit vierhundert Thalern Gehalt, und der meinige ein ehrlicher Schneider, der sich das Brot vom Munde abdarbte, um seinen Sohn studiren zu lassen. Und was hatten wir denn etwa, als wir uns heiratheten, Therese? Hunger und Kummer in allen Ecken, und oft nicht das Geld im Hause, um einen Laib Brot baar zu bezahlen. Daß ich fleißig war und nachher dabei Glück hatte, das ist mein ganzes Verdienst, und daß Du das Wenige zusammennahmst und wirthschaftlich sorgtest, das Deine, und das thun andere ehrliche Handwerker auch.«