»Großer Gott!« rief Baumann erschreckt aus.

»Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten,« fuhr Wendelsheim fort, »und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch einmal sehen, so kommen Sie nach.« Und sein Pferd herumwerfend, setzte er seinen Weg rasch wieder fort.

»Armer Benno!« seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eigenes Leid vergaß. »So ein reiches Leben so früh, so furchtbar früh dahingerafft! Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schöne Jugendzeit verbringen müssen! Hätte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen, wie er?«

Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie hätte er jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen können, wo ihm der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte recht – er wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war das auch möglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; später und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem Todtengepränge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrängen.

»Sie sollen Dich nicht zum zweiten Male verachten,« murmelte er finster vor sich hin, »und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich über die Achsel anzusehen. Ihnen gönne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja doch nur Alles Schein, und sie mögen sich glücklich darin fühlen, wenn sie können.«

Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch verfolgt, und erst vor der Stadt draußen wurde ihm wohler, freier zu Muthe, denn er fühlte sich allein, während es ihm in den engen Straßen immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern sähen und zugleich wissen müßten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schloß mit den düsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth über den Verlust des jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen.

So erreichte er das Dorf und schritt hindurch, so stieg er zum Schlosse hinauf, und als er in das Thor trat, sah er die Leute dort niedergedrückt stehen und mit einander plaudern, und einer der Mägde liefen, während sie mit ihrer Hofarbeit beschäftigt war, die großen Thränen an den Backen nieder. Hatten sie doch Alle den armen kranken jungen Herrn, der immer so gut und freundlich mit ihnen war, von Herzen gern gehabt, und jetzt, da er gestorben, kam ihnen das alte, öde Schloß noch einmal so wüst, noch einmal so öde vor.

Den Gärtner traf er auf dem Hof. »Gehen Sie hinauf, Herr Baumann,« sagte er zu ihm, als er ihn erkannte; »oben liegt das arme junge Blut, aber jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm Blumen bringe – ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wäre und der Schnee auf den Beeten läge. Nun wird's hübsch hier im Hause werden.« Und damit wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus.

Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer angekommen, scheute er sich ordentlich zu klopfen, aus Furcht, der Todte könne allein darin liegen. Er drückte auch erst nach einigem Zögern die Klinke auf, und als er die Thür öffnete, sah er sich dem todten jungen Freund gegenüber.

Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich und weiß fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Züge. Die Hände hatte man ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen über ihn ausgestreut – Rosen und Reseda, Astern und Camellien –, und Fritz stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende Thränen die Augen füllten und das Bild des Todes in den blitzenden Zähren verschwamm.