»Und sein Bruder?«
»Er war lange bei ihm und hat heiße Thränen vergossen; jetzt ist er bei dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?«
»Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsch nicht widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du großer Gott,« fuhr er dann fort, während er an das Fenster trat und hinaussah, »wie öde wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe fehlen, Fräulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!«
»Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren,« sagte das junge Mädchen leise, »denn er war nicht allein mein einziger Trost in der Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.«
»Ihr Schutz, Fräulein?«
»Die Tante wird mich jetzt entbehren können,« sagte Kathinka leise, »und ich selber wäre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu genügen. Ich werde am Ersten nächsten Monats Wendelsheim verlassen.«
»Sie wollen auch fort?«
»Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl, Herr Baumann – ich muß fort und dem Herrn Baron das Frühstück bringen, und – die Tante würde auch sonst böse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht länger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.«
»Nein, liebes Fräulein,« sagte Fritz bitter, »haben Sie keine Furcht, daß ich dem Fräulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schütze Sie Gott auf Ihrer einsamen Bahn!« Damit reichte er ihr die Hand und verließ dann mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer.
Drüben am Gang hörte er heftiges Reden – das war die Tante –, und es klang wie ein Mißton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu kommen, denn er fürchtete heute für sich, daß er ihren gewöhnlichen Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen hätte, als sonst. Er gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und horchte nach dem Zank hinauf.