»Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hält sie Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?«

»Nein,« sagte Fritz; »sie hat mich gar nicht gesehen.«

»Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glückstag, das muß wahr sein!«

»Ja, meinen Glückstag in der That,« nickte Fritz finster vor sich hin – »ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund!« Und ohne sich weiter aufzuhalten, verließ er das Schloß und schritt in die Stadt zurück. Still vor sich hinträumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und bemerkte gar nicht dabei, daß er unterwegs einen Herrn überholte, der, seine linke Hand auf dem Rücken, den Kopf etwas zurückgebeugt und außerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu grüßen oder ihn anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich plötzlich angerufen hörte und natürlich schon unwillkürlich den Kopf dorthin wandte.

»Ah, mein lieber Baumann,« rief der Spaziergänger, »wohin so eilig? Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein langweiliger Weg immer besser!«

»Herr Rath Frühbach!« sagte Baumann, halb überrascht, von dem Herrn angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn bekümmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wäre es eine alte Bauerfrau gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann würde auch viel lieber allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rathe her.

»Aber nun ein mäßigeres Tempo, mein junger Freund,« sagte der Rath, indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. »Das glaub' ich, wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin – kennen Sie Schwerin?«

»Nein, Herr Rath.«

»Ah, wie schade! – wunderschöne Stadt, und ungemein gemüthlich – da bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzählen wollte, eines Morgens früh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich muß regelmäßig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schweiß zu kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer geheimen Mission an unserem Hofe war – ein liebenswürdiger Mensch, sage ich Ihnen, so einfach und human – wir haben kostbare Abende mit einander verlebt. Das war ein famoser Fußgänger, und der Arzt hatte ihm auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen – ich führte sogar noch dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. »Nein, lieber Rath,« sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren, »Sie laufen mir zu rasch« – und so bog er richtig in die nächste Straße ein.«

Frühbach hätte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt wünschen können, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her, und er hörte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mühte sich noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die niedergedrückte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen.