»Ja, der in den nächsten Tagen die große Erbschaft macht. Sie wissen wohl nichts Näheres über die Sache?«

»Ueber welche Sache?«

»Nun, über die Erbschaft, mein' ich – oder über den Erben. Es wurde einmal eine Zeit lang so vielerlei erzählt....«

»Ich habe nichts gehört,« sagte Fritz, »kümmere mich auch in der That nur wenig um den Stadtklatsch.«

»Ja, da haben Sie ganz recht, junger Freund,« lenkte der Rath ein, der wohl merkte, daß er von seinem Begleiter nichts Neues über diese Angelegenheit erfahren würde. »Das ist auch genau dasselbe, was ich immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich gefehlt?«

»Ach, ein böses, innerliches Leiden!« seufzte Fritz. »Rettung war wohl nicht gut möglich, denn er kränkelte von frühester Jugend an. Es soll ein Herzfehler gewesen sein.«

»Das ist schlimm,« sagte Rath Frühbach, bedenklich mit dem Kopf schüttelnd, »das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter Freund von mir – er war früher Präsident der Ersten Kammer, aber ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden behaftet. Er behauptete nämlich stets, seine Leber sei zu groß; es war aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzählt und ich ihm von ähnlichen Fällen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott, wenn man älter wird, bekommt man ja auch nach verschiedenen Richtungen hin Erfahrung, und ich rieth ihm damals – ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre – wieder und wieder, er solle eine Aepfelwein-Cur gebrauchen. Aber bewahre – er blieb hartnäckig auf seinem Kopf, und nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Aepfelwein wäre er vielleicht zu retten gewesen; der hätte ihm das Herz zusammengezogen.«

Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Häuserreihen der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Ställe zwischen Wohngebäuden standen; der Rath erzählte aber immer fort. Jeder Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der Thür stehen gebliebenes Faß, kurz, was auch immer war, er knüpfte eine Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft endlich lästig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer Entschuldigung an der nächsten Seitenstraße einzubiegen, als gerade wie er sich von dem Rath verabschieden wollte der Staatsanwalt Witte um die Ecke bog und auf Frühbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch jedenfalls nur ihn erkannt.

»Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, daß ich Sie treffe – habe Sie schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!«

»Mich?« sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewöhnlich auf der Suche.