Den Nachmittag um fünf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pünktlich wie in allen Dingen, draußen bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem Rath die Sache der Frau Müller in Ordnung zu bringen. Er that das auch nicht etwa, wie Madame Müller selber vielleicht glauben mochte, allein in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath Frühbach eine Unannehmlichkeit zu ersparen, sondern einzig und allein seiner selbst wegen. Was er nämlich schon seit einiger Zeit, eben nicht zu seiner Freude, vermuthet hatte, daß Ottilie eine stille Neigung zu dem jungen Wendelsheim hege, hatte er in der Unterredung mit seiner Frau nur zu sehr bestätigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel bleiben, und hing die Frau Müller ihre Klage an die große Glocke, dann war des Geredes über die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende mehr.

Außerdem fühlte er sich fest davon überzeugt, daß die Frau an dem ihr von dem Major, nach Gott weiß welchen Combinationen, untergeschobenen Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun einmal zur fixen Idee geworden, jenem früher aufgetauchten Gerücht, das er fest und bestimmt für eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen, und je näher der Zeitpunkt rückte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in nichts zerfließen sehen, desto eifriger wurde er darauf.

Er haßte den alten Baron von Wendelsheim – der ihm vielleicht nie etwas Anderes zu Leid gethan, als daß er einen Erben bekommen – von Grund seiner Seele, und immer in dem Wahn, daß er die Hand bei einem Betrug im Spiel gehabt, hielt er sich natürlich nur für schlecht und nichtswürdig behandelt. Daß er dabei kein Mittel unversucht ließ und scheute, um sein vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Fall gründlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen Standpunkt einmal klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise für sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim dermaßen in das Gerede der Leute bringen, daß lange Jahre dazu gehört hätten, um den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschwächen, und das war dem Staatsanwalt natürlich, wenn er sich die Möglichkeit einer näheren Verbindung mit der Familie dachte, schon persönlich nicht angenehm.

Besonders ärgerte sich Witte aber darüber, daß der Major auch den Rath Frühbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen sei, um das merkwürdige Erlebniß zu erzählen. Darin aber that er dem Rath unrecht, denn Frühbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele darüber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erwähnt. Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht, und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gewöhnlichen Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte.

Der Staatsanwalt ärgerte sich aber trotzdem darüber und betrat diesesmal die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er hätte aber trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer öffnete und das Bild des Jammers sah, das sich hier entwickelte.

Der Major saß in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde saß der Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem kläglichsten Gesicht von der Welt, und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Bleßheim, und die alte Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Camillenthees.

Zwischen den Allen aber saß Rath Frühbach auf einem Stuhl mitten in der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach der andern nehmend, so daß er schon auf dem, vorher mit weißem Sand bestreuten Fußboden der Stube – der alten Liese ewiger Aerger – einen braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte.

»Alle Wetter,« rief der Staatsanwalt, als er in der Thür stehen blieb und sich die Gruppe betrachtete, »das sieht ja hier recht heiter und vergnügt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun, Major, ich dächte, vor einigen Tagen wären Sie gut genug auf den Beinen gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder?«

»Machen Sie um Gottes willen die Thür zu, Staatsanwalt,« rief der Major, ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; »es zieht hier herein, und ich kann den Tod davon haben!«

»Zieht? Wir haben sechzehn Grad Wärme draußen,« sagte Witte, indem er gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; »außerdem sind alle Fenster dicht geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten. Es scheinen mir aber freilich lauter »Trauerfalter« darin zu stecken – complicirte Sammlung, das muß wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch die gnädige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian scheint heute der einzige Gesunde.«