Wie still und friedlich, wie wohnlich, ja, fast patriarchalisch hatte sonst die Behausung des alten Salomon ausgesehen, und wie traurig verändert lag sie heute! Fremde, rauhe Gestalten drängten die Treppe hinauf und Tod und blutige Verwüstung schienen ihre Fährten in das Heiligthum eingedrückt zu haben. Es war auch fast, als ob die alte Dienerin des Hauses, die oben an der Treppe mit verweinten Augen stand, den vielen Fremden den Eintritt wehren wollte – aber brachten sie nicht ihren armen Herrn? Und dann sah sie auch die gefürchteten rothen Kragen der Polizei, gegen die sie am wenigsten gewagt haben würde, einen Widerstand zu leisten.
Jetzt hatten die Träger den oberen Rand der Treppe erreicht, und Witte, der dicht hinter ihnen folgte, sah staunend auf, als ein bildschönes Mädchen, die schwarzen Locken gelöst, das Antlitz marmorbleich, auf die Träger zustürzte und im ersten Moment sich auf den alten Mann werfen wollte. Aber fast gewaltsam hielt sie sich zurück, ihre großen dunklen Augen hingen an dem Gräßlichen, ihre kleine, weiße Hand war fest auf dem Herzen geballt; aber sie sagte kein Wort, durch keine Bewegung hinderte sie den Fortgang der Leute, und das Licht aus der Hand der Magd nehmend, winkte sie ihnen nur, ihr zu folgen.
»Alle Wetter, wer ist das?« flüsterte der Actuar dem neben ihm stehenden Staatsanwalt zu. »Das war ja ein bildschönes Mädchen, und der Lieutenant scheint hier sehr bekannt im Hause zu sein!«
»Wahrscheinlich die Tochter des alten Salomon,« nickte der Staatsanwalt, der die letzte Bemerkung ebenfalls gemacht hatte; »ich weiß, daß er eine Tochter hat, habe sie aber noch nie vorher gesehen.«
»Mir ist nie etwas Schöneres vorgekommen....«
»Es muß in der That außergewöhnlich sein, wenn sich selbst die Polizei davon ergriffen fühlt,« bemerkte der Staatsanwalt trocken – »aber da sind wir. Wie elegant das hier aussieht! Ich hätte wahrlich nicht gedacht, im Judenviertel solch ein Haus zu finden, besonders wenn man diese alten, rauchgeschwärzten Gebäude von außen ansieht!«
Die Träger folgten ihrer bleichen Führerin in ein Seitenzimmer, wie es schien, das eigentliche Schlafgemach des alten Mannes, neben dem der Arzt noch immer herging und seinen Kopf unterstützte. Dort winkte sie, ihn auf das Bett zu legen.
»Möchten Sie nicht vielleicht eine alte Decke unterlegen,« bemerkte der Arzt, als er das schneeweiße Linnen sah, »wir werden Alles mit Blut beflecken.«
»Nein,« hauchte die Tochter. – Es war das erste Wort, das sie sprach. – »O, sagen Sie mir um Gottes willen, ob er todt ist?«
»Ich glaube nicht, mein Fräulein,« erwiederte der Arzt theilnehmend dem ungeheuern Schmerz gegenüber, der in den Worten lag. »Ich kann Ihnen freilich für nichts stehen, denn ich habe die Wunden noch nicht untersucht, aber noch scheint Leben in ihm zu sein, wenn auch vielleicht nur ein Funken. Es soll gewiß Alles geschehen, was in menschlichen Kräften steht, um ihn, wenn irgend möglich, zu retten. Machen Sie sich aber auf das Schlimmste gefaßt; das Resultat kann kein Mensch vorher bestimmen.«