»Das macht unsere gute Polizei, Mutter,« lachte der Schlosser; »denn wenn sich ein Dieb von der fangen läßt, so verdient er schon seiner Dummheit wegen Strafe.«

Die Frau seufzte, sagte aber nichts weiter, stand dann auf, nahm sich ein Gesangbuch von dem kleinen Bücherbrett und fing an, darin still vor sich hin zu lesen.

Der alte Schlossermeister war aufgestanden und ging eine Weile im Zimmer auf und ab. Er sah dabei manchmal die Frau an, als ob er sich mit ihr beschäftige – schwieg aber noch immer. Er hatte beide Hände vorn in seinen Hosengurt geschoben und pfiff leise vor sich hin, wie er gewöhnlich that, wenn er in recht tiefen Gedanken war. Die Frau achtete nicht auf ihn – sie las immer weiter, und endlich sah er, als er einmal hinter ihr vorüberging, daß ein im Lampenlichte blitzender Thränentropfen in das aufgeschlagene Buch fiel, ohne daß sie ihn wieder weggewischt hätte.

»Höre, Karl,« sagte er, indem er vor dem Sohn stehen blieb, »geh' jetzt zu Bett; ich habe mit Deiner Mutter noch 'was zu reden.«

»Ja, Vater,« sagte Karl, »mir ist's auch recht; ich bin müde, und bei Euch scheint's heute Abend langweilig zu sein. Die Mutter liest und Du pfeifst, da will ich lieber unter die Decke kriechen; morgen müssen wir doch wieder früh heraus – Gute Nacht mitsammen!«

Karl hatte schon lange das Zimmer verlassen, aber der alte Baumann schwieg noch immer. Er war nur stehen geblieben, pfiff nicht mehr und sah seine Frau an, die noch über das Buch gebeugt saß. Aber sie las auch jetzt nicht; ihr Auge flog darüber hin, und es war fast, als ob sie die Anrede des Mannes mit Zagen erwarte.

»Sag' einmal, Alte, was dir eigentlich ist,« begann der Schlossermeister, indem er sich mit beiden Händen auf ihre Stuhllehne stützte; »Du kommst mir ordentlich wie verwandelt vor. Du sitzest in Dich gekehrt, Du seufzest, liest in einem Gesangbuch, weinst sogar dabei. Hast Du 'was auf der Seele, wem besser könntest Du es wohl anvertrauen, als mir? Sorgt Dich aber 'was, ei, alle Wetter, dann bin ich auch gerade der Mann, um es Dir abzunehmen! Bist Du krank, Mutter?«

»Nein, Gottfried,« sagte die Frau leise, »ich bin nicht eigentlich krank; aber – ich weiß nicht – es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, wie eine Ahnung – als ob uns etwas recht Schlimmes passiren müsse, und ich weiß doch eigentlich nicht, was.«

»Du lieber Gott, ja,« nickte Baumann, indem er sich jetzt neben sie niedersetzte und ihre Hand nahm, »man hat ja wohl solche Stunden, und die Doctoren sagen, es läge im Blut – aber ist's das auch wirklich, Alte? Sieh', wir sind jetzt die langen, langen Jahre mit einander verheirathet – unsere silberne Hochzeit liegt sogar hinter uns – und so glücklich mit einander gewesen, haben so zufrieden mitsammen gelebt, und nie, nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen. Wenn Du 'was hattest, das Dich drückte, sagtest Du's mir – wenn ich 'was hatte, that ich ein Gleiches und sagte es Dir – soll das jetzt anders werden!«

»Nein, Gottfried, nein – es wäre ja furchtbar!« seufzte die Frau und lehnte ihr Haupt an seine Brust; aber ihre Thränen fielen stärker.