Eine volle Woche war nach der gepflogenen Unterredung der beiden Brüder verflossen, und der Rittmeister hatte in der ganzen Zeit nichts weiter von Georg gehört. Nur die Stadt beschäftigte sich indessen mehr und mehr mit dem beabsichtigten Seiltanz zwischen den beiden Türmen, je mehr das Ende der Messe heranrückte; wußte man doch, daß die Erlaubnis dazu erteilt worden, und trotzdem spannte sich kein Seil auf jener Höhe, und nichts verriet, daß es überhaupt noch beabsichtigt werde. War es nur Prahlerei von dem Kunstreiter gewesen, das Publikum neugierig zu machen? Graf Geyerstein kannte den Grund und dankte Gott in seinem Herzen dafür; aber trotzdem beunruhigte ihn dieses Schweigen, und er hatte schon beschlossen, den Bruder heute in seiner eigenen Wohnung aufzusuchen, als sein Bursche ihm meldete, ein junger Herr sei draußen und wünsche ihn zu sprechen. Zugleich überreichte er dem Rittmeister die nämliche, mit seiner Adresse beschriebene Karte, die er damals in der Wohnung Monsieur Bertrands hinterlassen hatte.
»Ein junger Herr?« fragte der Rittmeister erstaunt, die Karte neben sich auf den Tisch werfend.
»Blutjung,« bestätigte Karl, »sieht auch ein wenig lustig aus, als ob er mit zu der – Sie wissen schon – zu der Reiterbande gehörte.«
»Es ist gut – laß ihn eintreten. Du störst uns indessen nicht, hörst du?«
»Zu Befehl, Herr Rittmeister,« erwiderte mit militärischem Takt der Bursche und verschwand aus der Türe, um im nächsten Augenblick den angekündigten Besuch hereinzulassen.
Graf von Geyerstein sah einen jungen, sehr elegant gekleideten Mann zu sich eintreten, mit vollen, schwarzen Locken und kleinem, leicht aufgedrehtem Schnurrbart, der erst jetzt, bereits in der Tür, seinen schwarzen, breiträndigen Filzhut abnahm. Das Gesicht desselben kam ihm allerdings bekannt vor, er konnte sich aber doch nicht entsinnen, wo er ihm schon begegnet wäre, und der Fremde machte dabei eine mehr formelle und tiefe Verbeugung, bis Karl die Türe wieder hinter sich ins Schloß gedrückt hatte.
»Was steht zu Ihren Diensten?« fragte der Rittmeister gespannt.
»Herr Graf,« erwiderte der Fremde, indem er einen Blick zurück nach der Türe warf, »ich schätze mich unendlich glücklich, daß Sie mir vergönnt haben – wir sind doch einen Augenblick ungestört?«
»Und zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?«
»Sie kennen mich nicht mehr?« lachte der Fremde, und die Stimme klang dem Rittmeister jetzt ganz anders – viel weicher als vorher.