»Und könnten Sie sich nicht glücklich fühlen, wenn Sie Ihren Gatten in einem ruhigen Leben glücklich wüßten?« fragte Graf Geyerstein, mit weit mehr Herzlichkeit im Ton, als er bisher gezeigt.
Georgine lachte laut auf. – »Der moralische Ton steht Ihnen prächtig,« rief sie dabei. »Wenn Sie sich nur selber sehen könnten, Herr Rittmeister – aber« unterbrach sie sich plötzlich und fuhr fast erschreckt empor, »liegt Ihren Worten etwa ein tieferer Sinn zugrunde? – Wenn ich mir alles zusammenreime, was Georg in den letzten Tagen gesprochen, auf was er hingedeutet hat – auch seinen unterlassenen Seiltanz, zu dem er schon am Montag die Erlaubnis bekam...«
»Ich freue mich recht von Herzen, daß er ihn unterlassen hat,« sagte der Rittmeister ruhig, »diese halsbrechenden Künste sind so undankbar für den Exekutierenden, wie peinlich für die Zuschauer, und Sie selber sollten froh sein, Ihren Gatten von einer Gefahr abstehen zu sehen, der er doch einmal über kurz oder lang erliegen könnte.«
»Gefahr!« rief das schöne Weib verächtlich, »wär' ich noch Georgine Bertrand, wenn ich vor einer Gefahr zurückschrecken wollte? und glauben Sie, daß Georg etwas fürchtet auf der Welt! Nein, das ist es nicht; eine andere Ursache liegt seinem jetzigen Benehmen zugrunde, und nur bei Ihnen, Herr Graf, kann ich die Lösung finden.«
»Und wenn Sie sich dennoch darin irren sollten?«
»Sie haben mir von einer Aehnlichkeit gesagt, die Sie zuerst zu uns geführt!« flüsterte da Georgine, und ihre Augen bohrten sich in die Augen des Grafen, welcher fühlte, wie ihm das verräterische Blut in die Schläfe stieg, aber seine Züge blieben kalt und fest, und er erwiderte ruhig: »Allerdings, Madame, die Aehnlichkeit mit einem Jugendfreunde, nicht allein im Antlitz, nein, auch selber im Namen; es war aber ein Irrtum. Schon als ich Herrn Bertrand ganz in der Nähe sah, fand ich das.«
»Sie täuschen mich nicht, Herr Graf!« rief Georgine, seinen Arm ergreifend. »Georg ist ein anderer, als er sich mir gegeben, und die Wahrheit soll jetzt selbst seinem Weibe Geheimnis bleiben.«
»Wenn Herr Bertrand ein Geheimnis vor Ihnen hat, Madame,« sagte der Rittmeister artig, aber ernst, »so ist es nicht meine Sache, das zu lüften, selbst wenn ich darum wüßte.«
»So geben Sie mir Ihr Wort als Kavalier –«
»Halt, Madame,« unterbrach der Graf sie kalt, »Sie gehen zu weit. Ich habe Herrn Bertrand allerdings an jenem Morgen gesehen, aber seit der Zeit nicht wieder, weiß deshalb auch nicht, was seine Pläne sind. Was wir damals miteinander gesprochen, deutete wohl darauf hin, daß er dieses wilden, wüsten Lebens überdrüssig sei; wenn dem aber wirklich so wäre, würde ich nur mit Freuden die Hand dazu bieten, ihm einen solchen Plan ausführen zu helfen.«