Melanie saß am nächsten Tage allein mit Luise in ihrem Zimmer und arbeitete an einer Stickerei. Graf Selikoff hatte sie gerade verlassen, und ein prachtvolles Blumenbukett lag vor ihr auf ihrem Arbeitstische – aber ihr eigenes Antlitz paßte nicht zu den blühenden Rosen und Kamelien, mit denen es prangte. Sie sah bleich und angegriffen aus, und ein schmerzlicher Zug umzuckte den feingeschnittenen Mund.

»Ich will ein Glas Wasser holen,« sagte Luise aufstehend, »die Blumen welken sonst so schnell.«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte Melanie, »aber bitte, setzen Sie die Blumen in das andere Zimmer hinüber, ich habe Kopfschmerzen, und die Rosen duften mir zu stark.«

»Sie sehen heute leidend aus, Melanie,« sagte Luise, zu ihr gehend und leise ihre Stirn küssend, »fehlt Ihnen etwas?«

»Nein, nicht das geringste weiter,« lächelte das junge Mädchen, »ein rheumatischer Kopfschmerz jedenfalls; ich fürchte fast, daß ich mich gestern beim Nachhausekommen erkältet habe.«

»Sie waren auch so leicht angezogen.«

»Es wird vorübergehen – da kommt jemand.«

»Es ist Rosalie – sie wird mich zum Spazierengehen abholen wollen. Begleiten Sie uns vielleicht ein wenig?«

»Heute nicht – Ruhe wird mir besser sein. Was hast du, Rosalie? Du siehst ja so verdrießlich aus! Ist dir etwas geschehen?«