»Mir?« sagte das junge Mädchen, indem sie zu der Schwester ins Zimmer trat und ans Fenster ging, »was soll mir geschehen sein? Ich ärgere mich nur über jemanden.«

»Ueber wen? – wer hat dir die Ursache dazu gegeben?«

»Ueber wen? – über den Grafen Geyerstein – es ist recht häßlich von ihm!«

»Was, mein Herz?« sagte Melanie und fühlte dabei, wie ihr das Blut zum Herzen zurückschoß.

»Und hast du es denn auch vergessen?« rief Rosalie erstaunt, »ist denn nicht heute mein Geburtstag, an dem er jedesmal morgens bei mir gewesen, und den er mit uns gefeiert hat, und habe ich ihn auch heute nur mit einem Auge zu sehen bekommen? Ja – vorbei geritten ist er vorhin – vor einer Viertelstunde, gerade wie des Grafen Selikoff Wagen vorgefahren war, aber ob er auch nur heraufgesehen und gegrüßt hätte – Gott bewahre! Ich bin so ernstlich böse auf ihn, daß ich ihn recht tüchtig auszanken werde, wenn er das nächste Mal wieder zu uns kommt. Da ist Graf Selikoff viel freundlicher – wenn er nur das Zeichnen verstände!«

»Er wird heute Dienst gehabt haben, Rosalie,« sagte Melanie leise, »und da, weißt du wohl, kann er nicht abkommen, wenn er auch gern möchte.«

»Ach was,« rief das junge Mädchen, »die ganze Woche, und die ganzen letzten vier Wochen hat er nicht in einem fort Dienst gehabt, und wenn er kommen wollte, hätte er gewiß schon einmal Zeit dazu gefunden – und heute hatte ich mich so darauf gefreut, denn meine große Schweizerlandschaft hat er noch nicht einmal gesehen. Was macht denn Graf Selikoff so lange bei der Mama drüben? Ich wollte eben hinüber und wurde nicht hineingelassen.«

»Ich weiß es nicht; er hat doch wohl etwas mit ihr zu besprechen.«

»Kommen Sie, Komtesse,« sagte Luise, die recht gut fühlte, wie das Gespräch der Schwester peinlich wurde, »es wird sonst zu spät zu unserm Spaziergang heute.«

»Ich kann heute nicht gehen,« rief Rosalie rasch, »Mama hat mir Besuch geladen – da fährt er fort,« unterbrach sie sich selber. »Gott sei Dank! jetzt kann ich hinüber und Mama fragen, welches Kleid ich anziehen soll.« Und mit den Worten huschte sie leicht und fröhlich aus der Tür hinaus, allen Aerger in dem einen Gedanken ihres Anzuges vergessend.