»Dann müßte er aber ja unserm Herrn begegnet sein!«
»Vielleicht ein Getreidehändler – die reisen jetzt im ganzen Lande umher, das liebe Gut aufzukaufen, und wenn sie's uns um einen Spottpreis abgeschwatzt haben, machen sie nachher ihre eigenen Preise und treiben's in die Million 'nauf.«
Aber die Leute hatten jetzt andere Dinge im Kopfe, als sich diesen über den Fremden zu zerbrechen. Rechtsab bogen sie von der Straße, dem Wasserkurs aufwärts folgend, und während einige der jüngeren Burschen lange Stangen mit Haken trugen, den Bach damit auszufühlen, liefen andere voraus, um den Hut wiederzufinden und sich damit der genauen Stelle zu versichern, in deren Nachbarschaft sie den armen Teufel vielleicht doch noch auf trockenem Boden antreffen konnten.
Mit dem Hute hatte es indessen einige Schwierigkeit. Der in der letzten Nacht ziemlich dicht gefallene Schnee deckte alles mit seiner weichen, ausgleichenden Masse, und so genau konnte der alte Verwalter die Stelle ebenfalls nicht angeben, denn er erinnerte sich nur ungefähr des Platzes. Während aber einige am Ufer auf und ab liefen und jeden Baum untersuchten, klopften andere auf jede kleine Erhöhung im Schnee und stocherten sie auf, bis sie endlich wirklich den alten Hut fanden. Er wurde von dem Müller augenblicklich als Tobias' Eigentum anerkannt, und die Arbeiter begannen jetzt den Bach abwärts von dort mit den Stangen nachzusuchen. Leider bewährte sich hier, was der Müller gleich von Anfang an gefürchtet. Gleich wo sie begannen, und der Stelle genau gegenüber, an welcher der Hut gelegen, trafen die eingeworfenen Stangen auf die Leiche, die von einem Gegenstande unter Wasser festgehalten wurde. Man mußt sie mit einiger Gewalt ans Ufer ziehen, und dabei hob sich ein alter Weidenast mit aus dem Wasser, der sich fest in den Rock des Unglücklichen verwickelt hatte. Die Ursache seines Todes war deshalb auch allen klar; er mußte, jedenfalls im Trunke, hier den Weg verfehlt haben und in das Wasser hineingetaumelt sein, dessen Ufer er doch wohl wieder erreicht hätte, wenn ihn eben nicht der zähe, elastische Zweig daran verhinderte. Ueberdies seiner Sinne nicht mächtig und mit dem geschwächten Körper, ließ es sich leicht erklären, daß er selbst in dem schmalen und eben nicht tiefen Bache ertrinken konnte.
Die Männer hoben die Leiche schweigend aufs Trockene, und einige der mitgebrachten Seile quer zwischen die beiden Stangen bindend, machten sie eine Art von Bahre daraus, auf der sie den alten Tobias ins Dorf und in die Mühle hinabtrugen.
24.
Georgine war angekleidet und saß über einen Brief brütend in ihrer Stube, deren Riegel sie vorgeschoben hatte. Wieder und wieder las sie das Schreiben durch, und dann, als ob ihr der Inhalt keine Ruhe lasse, sprang sie auf und ging mit festverschränkten Armen und raschen Schritten in dem Gemache auf und ab.
»Und wer könnte mich tadeln, wenn ich meinem Willen folgte?« murmelte sie dabei leise vor sich hin. »Liebt das gefangene Tier nicht seine Freiheit und sucht sie wieder zu erlangen, wie viel mehr denn der Mensch, dem die Natur nicht umsonst den kühnen Geist gegeben! – Und bin ich weniger als eine Gefangene in diesem öden, abgelegenen Hause, das ich nur wie der an einen Faden gebundene Vogel verlassen darf, um hierher zurückzukehren, wenn es meinem Herrn gefällt, mich wieder an dem Faden einzuziehen? Gift und Tod!« zürnte sie, und die dunklen Augen sprühten Feuer, die Lippen preßten sich zusammen, und der kleine Fuß stampfte ungeduldig, wild den Boden.
»Und jetzt gerade – jetzt kommt der Brief, wo Georg – und ich kann nicht fort. Ohne Geld – ohne Paß, eine Frau allein mit ihrem Kinde. An den Stäben darf ich rütteln, an den Stäben, die mich halten, und meinem Zorn darf ich Luft machen, heimlich – heimlich, daß es niemand hört, und das ist Georgine – das ist die kühne Reiterin – das ist die Frau, die ihr Schicksal nur deshalb an diesen Georg Bertrand fesselte, weil er noch kühner war als sie, und die sich jetzt von ihm an den Pflug spannen läßt, den Acker für das tägliche Brot als Bäuerin zu lockern.« Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach sie, und rasch den Kopf danach umdrehend, rief sie: »Wer ist da?«
»Ich bin's,« sagte die Wirtschafterin, und zu gleicher Zeit versuchte eine Hand die Tür zu öffnen, was jedoch der vorgeschobene Riegel verhinderte.