Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war eine silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, J. K., eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem Pfeile durchstochenes Herz – wovon aber die Frau nicht wußte, auf was es sich beziehen sollte.

Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht vielleicht noch mehr.

Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen – er erinnere sich aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht hätte, oder was die Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der Köhler den Schneider nie hätte leiden können – wenigstens so lange er jetzt in der Colonie sei – und ihm stets alles nur erdenkliche Böse nachgesagt habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als ein nüchterner, anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte. Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen. Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über diesen nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte über diese sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die andere verhöhnt.

So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um darauf zu achten.

Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen, darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die weitere Untersuchung aufgehellt werden.

Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und Noth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte aber an einen solchen, denn Köhler hatte ein viel zu reines Gewissen, um sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug.

Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht an.

Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft entlassen werden.

Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere zu besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen »Herrn« waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt.

»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist, und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da gewesen?«