»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell – »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.

»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern in französischer Sprache zu – »die Frau und die Kinder werden ein Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber warten, bis wir ihn allein haben?«

Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt Rettung – Flucht!

»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit einem Satz in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend, wie laufend.

Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm hatte.

Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier dem Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück und wollte nicht vorwärts.

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie Nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der Jagd.

Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede Öffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwächte, sah bald, daß er dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb den Weg abzuschneiden.

Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort – weiter – aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber – vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte – denn daß ihm hier ein Pferd nicht folgen konnte, wußte er –, sah er, daß er verloren war. Aber er ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand und lag – vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die Rächer! – Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen – seine Mütze hatte er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig gekratzte Stirn – vorwärts – vorwärts – bis seine Kräfte ermatteten und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.

Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und zeigte es dem Freunde.