Es war Abend geworden — die Sonne neigte sich schon den westlichen Gebirgen zu, und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße hörbar wurde. — Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem, daß er seit zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn nicht länger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die Thür aufging und der längst Ersehnte eintrat.
»Endlich, endlich!« rief Könnern ihm entgegen — »wo sind Sie nur so lange geblieben — und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört?«
»Ich bin zu Fuß gekommen.«
»Zu Fuß? Und ist Alles geordnet?«
»Das war ein böser Nachmittag, Freund,« seufzte Günther, seinen Hut auf den Tisch werfend — »und wär' es nicht Ihnen zu Liebe gewesen, ich hätte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden hätten wir es anvertrauen können, ohne den Klatsch augenblicklich durch die ganze Colonie getragen zu haben. Nun — jetzt ist es Gott sei Dank überstanden und Sellbachs — oder Meiers, wenn Sie wollen — sind abgereist.«
»Abgereist?« rief Könnern, erschreckt seinen Arm fassend.
»Fort!« sagte Günther ruhig — »und — es war das Beste, was sie thun konnten. Wir bekamen heute außerdem die Gewißheit, daß sich die unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom gestürzt, und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat; die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen Alligatoren darin machen das hoffnungslos.«
»Und Elise?« sagte Könnern leise und scheu.
»Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte,« fuhr Günther fort — »Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen ist ein Engel und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich ihr erklärte, daß ich selber nicht den geringsten Auftrag, und für mich selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen wegen vorzugehen — daß er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit seinen Gläubigern in Deutschland treffen möge, ja, daß ich ihm, wenn er dies wünsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten würde, wies sie Alles ruhig aber fest zurück. Sie behauptete dabei, daß sie im bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings nicht mehr ungeschehen machen könne, wie er aber die That bereue, so auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Kräften stehe, den erlittenen Verlust zu ersetzen. Er könne freilich Nichts weiter thun, als Alles hergeben was er habe, und sie bäte mich daher, nicht allein Haus und Grundstück mit Allem was es enthielt, sondern auch noch eine sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche sie mir einhändigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu dürfen, sei das Nothwendigste für sich und den Vater an Wäsche.