»Ich versuchte Alles, sie zu überreden, sich nicht von allen Mitteln zu entblößen — ich stellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der Gläubiger hier handeln solle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch das Recht haben müsse, zurückzuweisen, was ich für überflüssig halte — umsonst! Sie sei jung und kräftig, erwiederte sie mir, und könne und wolle arbeiten, und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige, was ich sie endlich anzunehmen vermochte — und das auch nur nach stundenlanger Überredung und ihres Vaters wegen, der einen langen Marsch nicht ausgehalten hätte — war mein eigenes Pferd — und vor zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel Gepäck hinter sich, die Jungfrau zu Fuß an seiner Seite — so zogen die Unglücklichen in den Wald hinein.«
Könnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein Gesicht in den Händen und saß lange stumm und regungslos. — »Und darf ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksale so überlassen?« stöhnte er endlich — »es kann — es kann nicht sein!«
»Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,« sagte Günther ernst, »so würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des Abschiedes bereiten — weiter Nichts — und das arme Kind hat Leid und Schmerzen genug gehabt. Sein Sie nicht grausam; Anderes würden Sie nicht damit bezwecken.«
»Und ohne Mittel — ohne das Nöthigste, sich am Leben zu erhalten, auf fremde Menschen — auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewiesen — Hände, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit einem Körper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen muß, selbst wenn ihr Geist das Furchtbare erträgt — Günther, Günther, der Gedanke allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun selber hülfsbedürftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja selber Hülfe und Pflege für sich gebraucht?«
»Das Einzige was wir thun können,« sagte Günther, »ist, unter der Hand nachzuforschen. Ein so auffälliges Paar kann in unseren Colonien nicht spurlos verschwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen bekommen können, und sollte dann Hülfe nöthig sein, so läßt sie sich vielleicht indirect und ohne daß Elise Etwas davon weiß, vermitteln. Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben wollen, das ist meine feste Überzeugung. — Aber gönnen Sie mir eine Stunde Zeit; ich muß diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten, denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbachschen Sachen halten, und dafür ist es nöthig, gleich noch ein paar Anzeigen für die Gasthäuser und öffentlichen Plätze zu schreiben. Der Jeremias, dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute Abend übernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges Ereigniß gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglückselige Geschäft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, sich seine Vermuthungen mitzutheilen — es muß Alles Schlag auf Schlag folgen. Die Eincassirung der in der Auction gelösten Gelder werde ich dann hier dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apropos,« setzte er hinzu, als er eine Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche Karten auf den Tisch warf — »da hat mir der Jeremias auch ein paar Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitgebracht. Sie giebt, glaub' ich, eine Art Soirée, oder etwas Derartiges. Es ist auch eine für Sie dabei.«
»Für mich? Ich kenne die Frau Gräfin gar nicht,« sagte Könnern gleichgültig.
»Ich auch nicht,« lachte Günther; »die Einladung ist wahrscheinlich eine Art von Erkenntlichkeit für den Dienst, den wir ihrer Tochter vorgestern Abend geleistet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Ursachen so furchtbare Wirkungen haben — dachten wir damals daran, daß das durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menschenleben kosten und eine Familie von Haus und Hof treiben könnte?«
»Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?«
»Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollten, so könnten Sie sich einmal nach meinem neugefundenen Freund und neuen Kameraden, dem jungen Grafen Rottack umsehen. Er ist wahrscheinlich hier im Hause, und ich habe mit ihm zu reden. Für ihn ist übrigens auch eine Einladung gekommen; da sie aber seinen Namen nicht wußten, steht er mit auf meiner Karte.« —