Es war auch in der That eine böse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind, fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und draußen wehte schon an dem nämlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum. Die Wellen schlugen über Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf den Planken, die laut geschrieenen Befehle ängstigten die unglücklichen Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern sein Gutes, daß er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefährlichen Wasser des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See allerdings noch hoch, aber der Wind ließ doch nach und die Wellen beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage – wie das nach einem sehr heftigen Unwetter häufig der Fall ist, Windstille ein, und als sich die See glättete und die halbtodten Passagiere an Deck hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schöpfen, waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen draußen auf dem weiten, öden Meer.

In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Körper hatte sich auch indessen an das Schaukeln gewöhnt und der so lang vollständig vernachlässigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten die Reisegefährten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte sich Keiner um den Anderen bekümmert.

Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands, auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem Schmuck an den Hüten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so übermüthig und keck gewesen waren. – Aber lieber Gott, wie traurig und niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der überstandenen Seekrankheit, aus, wie bleich und hohläugig, und nie im Leben würde er aus diesen Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals wiedererkannt haben, wäre es nicht eben an dem bunten Flitterputz gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg mitgenommenen Hüten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr; ineinander gebrochen saßen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang, bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten.

Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen Kindern – und alle wollten nach Brasilien, alle hatten ähnliche Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit Sorge oder Verdacht erfüllt hätte; kein Mensch, der von unvollständigen oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und kleinherzigen Rücksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein.

Sonderbar nur, daß Keiner der Passagiere angeben konnte wohin er ging. Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darüber untereinander aussprachen, daß Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wußte, und eigentlich nur das Wort »Brasilien« der Sammelpunkt war, den sie sich bis dahin gedacht – aber wo in Brasilien würde ihr künftiger Aufenthalt sein?

Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen frischen Gesicht, aber schneeweißen Haaren und einem eben solchen Barte, hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefähren Begriff von Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und berechnete ihnen die ungefähre Größe des gewaltigen Reiches nach den angegebenen Graden.

Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete natürlich, daß das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde, wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen.

Und wie es in dem fremden Lande werden würde? – Keiner der Auswanderer hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen Klima und den paradiesischen Früchten gehört, daß sie die Zeit kaum erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort und Stelle selber sehen würden.

So verträumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plänen, in die ihnen Niemand einen Mißton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und freundliches Wetter mit günstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue Himmel selbst die letzten Sorgen fort.

Eigenthümlich war, daß sämmtliche Passagiere ihre »Contracte« hatten in Antwerpen abliefern müssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand, was die Arbeitgeber im Geringsten hätte gegen sie, die Arbeiter binden können, so hängt doch der Deutsche nun einmal mit merkwürdiger Zähigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an den Capitän gewesen, ihnen die Papiere zurückzugeben.