Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie müßten erst eingetragen werden, und das hätte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann hinein – ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur für einen Cajütspassagier gehalten, der ihnen aber erklärte, daß er der Supercargo des Schiffes und Bevollmächtigter des Hauses in Antwerpen wäre. Dieser erklärte ihnen – nachdem sie etwa vier Wochen in See waren – daß die Contracte erst Jedem ausgeliefert würden, wenn sie an Land kämen, um sich bei ihren neuen »Brodherren« zu legitimiren. Hier auf See brauchten sie dieselben doch nicht, und sie könnten nur vielleicht verloren gehn, was nachher die größte Verwirrung herbeiführen würde.
Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie mußten sich, wohl oder übel, damit begnügen.
Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen günstig, denn sie hatten jetzt lange die nordöstlichen Passate erreicht, die sie der neuen Heimath entgegenführten, aber diese wehten außerordentlich schwach und sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich – endlich bekamen sie das erste Zeichen, daß sie sich wirklich dem Festland näherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu sehen ob sie Grund fänden, da sich an vielen Küsten, besonders an den amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach der Tiefe des Meerbodens beurtheilen läßt, die man findet.
Zwei Tage später rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top gesandt wurde: Land! Wenn die Passagiere aber auch sämmtlich an Deck standen und dort hinüber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur das Geringste entdecken, was ihrer Vorstellung von Land nur einigermaßen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Höhen zu entdecken, keine Städte noch Dörfer, und wo da Land sein sollte, wußte Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich, nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen verschmolz er mit dem überdies dunklen Rand des Horizonts, der sich stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen günstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrückten, desto mehr hob sich der Rand in die Höhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher hervortraten und höher wurden.
Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles, funkelndes Licht von dort herüberglimmen, – den Leuchtthurm, der ihnen die Stelle kündete, wo sie anzufahren hatten.
Und alle Passagiere standen in der wunderbar schönen milden Nacht an Deck und schauten nach dem Licht hinüber, das ihnen von der brasilianischen Küste entgegen funkelte, und welch ein eigenthümlich beängstigendes Gefühl war es, das dabei ihre Herzen erfüllte! Dort war das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem geheimnißvollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an der Küste hinzogen, wohnten Menschen, – wohnten wirkliche Brasilianer, zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber lagen die Berge mit ihren düsteren Waldungen und Schatten, mit wilden Thieren, Indianern, bunten Vögeln und großen, giftigen Schlangen, und das Alles sollten sie jetzt sehen, – in dem Allen sollten sie mitleben, das so ganz Anders wie die Heimath war.
Und wie würde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal gestalten? – es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch übermüthig und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander flüsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinüber, die ihnen von dort drüben entgegenwinkten.
Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Küste zu, sondern kreuzte daran auf und ab, da der Capitän den Hafen zu wenig kannte, um dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und freundlich, daß er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern.
Und der Morgen kam. – Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die Sonne ihr Licht und übergoß die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen Schimmer – und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitän schon von vier Uhr früh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grün der Bäume erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen der Palmen hervor und schüttelten ihre gefiederten Blätter im Wind.
Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen.