Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und unter diesen befand sich auch ein Deutscher, – er redete wenigstens den Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrängt um die Fallreepstreppe standen. Sie grüßten nicht einmal etwas, das zum »Zwischendeck« gehörte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck, wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schüttelten. – Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herübergekommen waren um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, – und doch that es den armen Deutschen weh.

Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herüber zu kommen und in gutem Einverständniß mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und jetzt würdigte sie Keiner dieser Leute, – nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen war, nur eines Grußes oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes, unbehagliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, daß jetzt da oben auf dem Quarterdeck ihr künftiges Schicksal entschieden werden solle.

Hören konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur einmal verstanden sie die lauter als gewöhnlich gesprochenen Worte des Capitäns, daß er »die Passagiere aus dem Wege haben müsse, um zu ihrer Fracht zu kommen. Er könne sie nicht länger an Bord behalten, denn sein Contract wäre erfüllt, und weiter hätte er nichts mit dem Volk zu thun.«

Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten, was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekündigt, ihre Sachen zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren werden sollten.

Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, daß sie erst das enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten könnten, – jetzt war ihnen bänglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres Schicksals rückte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, – hätten noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, – aber es ging eben nicht. Man ließ ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschließen, und indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter ihre Hände kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die Betten wurden zusammengeschnürt, und kaum eine Stunde später lag das obere Deck so gedrängt voll Gepäck, daß man sich kaum dazwischen durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rücksichtslos genug, über Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten.

Dann kam eine große Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und in welche die verschiedenen Frachtstücke eben so rücksichtslos hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei über die großen, schweren, unbehülflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurück in welcher sämmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land geschafft wurden.

Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drückte wohl ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitän wie Supercargo kümmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon vorher ans Land gefahren, wobei der Capitän, als er das Schiff verließ, seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurück käme, müsse das Fahrzeug rein sein.

Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten; die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in einemfort unverständliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen: Brasilien ist nicht weit von hier! – aber schwieg ordentlich erschreckt, als auch kein Einziger der Übrigen mit einstimmte. Es war ihnen nicht wie Singen zu Muthe.

Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten. Was da für wundervolle Bäume am Ufer standen und wie herrlich das fremde Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter beängstigten sie, schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte, und sich vielleicht über sie lustig machte, – wer konnte es wissen. Und als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gruß entgegengerufen hätte? Ja, um sie her drängten sie, um sie besser betrachten zu können, so dicht, daß sich die Kinder schon fürchteten und zu weinen anfingen; aber Niemand kümmerte sich um sie. Sie wußten nicht einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepäck gebracht – und wie die Sonne dabei auf ihre Köpfe niederbrannte. Wie heiß das hier in dem fremden Lande war.

Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen wolle, und schüttelten nur die Köpfe.