Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die Nacht regnete es wieder tüchtig, aber der nächste Morgen fand sie Alle früh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr nächstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen ihre Kinder mit zum nächsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und zogen ihnen reine Wäsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor – lieber Gott, sie wußten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder ein Werktag sei – und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den Besuch zu empfangen.
Es wurde aber fast elf Uhr, ohne daß sich irgend wer bei ihnen hätte blicken lassen, – die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewöhnlich ihr Frühstück brachten. Da wurde plötzlich Pferdegetrappel laut, und gleich darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, die Straße herab und gerade auf die Hütten zu, und dort sprangen sie aus den Sätteln, überließen die Zügel ihren Dienern und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu, die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Häusern gesammelt hatten, um die Nahenden zu erwarten.
Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um die armen Landsleute gekümmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er geläufig redete, während er auch ganz wie sie gekleidet ging.
Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein Geistlicher aussah, nur daß er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen »guten Morgen« boten, was ein halb freundliches, halb spöttisches Lächeln über seine sonst ziemlich strengen Züge rief.
Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: »Nun will ich Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich aus, daß man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so ein, daß die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr einmal dahin. Wo sind Euere Leute?«
»Die Frau ist nicht ganz wohl, – sie liegt drinnen auf dem Bett.«
»Ist sie krank?«
»Nein, krank gerade nicht, aber –«
»Na, da laßt sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder hinlegen. Wir müssen einmal sehen, wen wir hier haben, man weiß ja sonst gar nicht wer zusammen gehört. So, das ist recht – und die einzelnen jungen Burschen alle hier hinüber. Wer aber bei seiner Familie bleiben will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher für nichts.«
»Alle Wetter,« lachte der eine junge Bursch, »das sieht ja beinahe so aus als ob wir verkauft werden sollten.«