Die Maulthiertreiber ritten aber sämmtlich, – auch der Mulatte mit den Blatternarben, der sie hinauf begleiten sollte. Die Frau wäre aber zu schwach gewesen, das jüngste Kind zu tragen, und Behrens schnürte es sich selber in ein Tuch auf den Rücken; da spürte er die leichte Last gar nicht.
Das war ein entsetzlich heißer Marsch in dem flachen Land, das sich an der Küste ausdehnte. Eine kleine Strecke im Inneren, als sie erst die unmittelbare Nähe der Stadt und die offenen Felder verließen, kamen sie allerdings streckenweise unter schattige Waldbäume, aber es dauerte immer nicht lange, so mußten sie wieder eine offene Plantage passiren, und dort brannte die Sonne gar so arg.
Behrens frug den einen Maulthiertreiber ein paar Mal, wie weit sie hätten; aber der schüttelte nur mit dem Kopf, er verstand nicht was der Deutsche zu ihm sagte, und zeigte nur auf eine vor ihnen liegende Plantage. War das schon ihr Ziel? Nein, sie sollten nur hier übernachten. Ein besonderes Haus war freilich nicht für sie aufzutreiben, und sie mußten in der Maniokmühle einquartiert werden, aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig und reinlich, und sie bekamen auch reichlich zu essen, Bohnen und Maniokmehl und etwas getrocknetes Fleisch, da die Leute wahrscheinlich nicht frisch geschlachtet hatten. Am nächsten Morgen aber wurde lange vor Tageslicht zum Aufbruch gerufen, und es schien doch jetzt, als ob man die Morgenkühle zu ihrem weiteren Marsch benutzen wolle.
Jetzt hatten sie aber auch die Berge dicht vor sich, nicht etwa sehr hohe Gebirge, so weit sich von hier aus erkennen ließ, sondern eine niedere, bewaldete Hügelkette, in die sich der Weg hinaufzog, und die zuletzt so eng und steil wurde, daß sich Einer hinter dem Anderen halten mußte. Und wie schwer es sich da ging, – aber es sollte noch schwerer werden, denn mitten am Tag setzte der Regen wieder ein und die Frau war zuletzt so erschöpft, daß sie kaum noch vorwärts konnte. Einer der Maulthiertreiber fühlte wohl Mitleiden mit ihr und wollte sie eine Strecke reiten lassen, – aber das ging auch nicht, denn sie hatte noch in ihrem Leben auf keinem Thier gesessen, und hier Berg auf und ab war das noch außerdem schwierig genug, sich oben zu halten. Als sie das nächste Haus erreichten, was in einem der Thäler lag, mußten sie nothgedrungen Halt machen, und der Mulatte, der damit gar nicht einverstanden war, schickte das Gepäck voraus, ohne sich darum zu bekümmern, was die armen Wanderer wohl noch unterwegs davon gebrauchen würden.
Am nächsten Tag derselbe Marsch, bei dem die Frau endlich ihre Kräfte verließen. Sie kam nicht mehr zu Fuß weiter und mußte jetzt auf ein Thier gesetzt werden, das der Mulatte am nächsten Platz für sie miethete. Behrens und seine Tochter gingen dann nebenher und hielten sie im Sattel, bis sie nach und nach die Bewegung gewohnt wurde und sich schon selber ein wenig helfen konnte. Aber endlos dehnte sich der Weg aus, – Tag nach Tag verging, und noch immer erreichten sie ihr Ziel nicht. Die Kinder bekamen schon Blasen unter die Füße und wimmerten unterwegs. Anfangs hatten sie sich über den herrlichen Wald, die prachtvollen Bäume und die vielen bunten merkwürdigen Vögel und Schmetterlinge gefreut, jetzt achteten sie gar nicht mehr darauf und schleppten sich nur mühsam über den nassen, klebrigen Boden hin.
Am siebenten Tag wurden die Auswanderer von zwei Reitern überholt, einem Weißen mit seinem schwarzen Diener hinten, der im Galopp heransprengte. Es war Senhor Almeira, ihr Herr, der sehr erstaunt und auch unwillig schien, sie noch auf der Straße zu finden. Er sprach heftig mit dem Mulatten, und dieser entschuldigte sich, ebenfalls nicht in besonderer Laune. Der Herr warf einen Blick auf die kranke Frau, redete aber die Deutschen nicht an, sondern setzte seinem Thier die Sporen ein und sprengte vorüber.
An dem Tag wanderten sie bis spät in die Nacht hinein, die Kinder konnten ihre Füße kaum noch vom Boden heben und weinten still vor sich hin, und Hannchen, die älteste Tochter, obgleich selber müde genug, huckte dennoch ihr jüngstes Brüderchen, den fünfjährigen Christian, auf und schleppte ihn weiter, bis sie, zum Tode erschöpft, wieder die Wohnung menschlicher Wesen erreichten, und dort die armen mißhandelten Glieder ein paar Stunden konnten rasten lassen.
Und wieder weiter ging es am nächsten Morgen, aber heute war der Mulatte freundlicher mit ihnen, zeigte voraus und nickte und lachte, – die Plantage seines Herrn konnte nicht mehr fern sein, und als sie, etwa um 10 Uhr Morgens, wieder einen der jetzt immer steiler und höher werdenden Bergkämme erreicht hatten, breitete sich ein weites, herrliches Thal vor ihnen aus, und dort unten lagen eine Anzahl Gebäude, auf die jetzt ihr Führer deutete und ihnen etwas zurief.
Das endlich – endlich war der so heiß ersehnte – und fast auch gefürchtete Platz, der sich dort vor ihnen ausbreitete, – das war der erste Blick auf ihre neue Heimath in dem fremden Lande, – dort sollten sich alle die Hoffnungen erfüllen, die sie weit weg über das Meer, aus ihrem Vaterland hierher geführt, – dort sollte jede Sorge schwinden und ein neues, frisches Leben für sie beginnen? Und war der Anfang so gewesen, daß sie dem mit froher Zuversicht entgegen sehen durften? Hatte sich bis jetzt auch nur eine dieser Hoffnungen, – nur irgend etwas bestätigt, das ihnen im alten Vaterland von eigennützigen oder unwissenden Menschen versprochen worden?
Behrens war kein Mann, der, mit irgend welcher Phantasie begabt, dunkle Bilder vor sich heraufbeschworen hätte, und doch schnürte ihm ein unheimliches Gefühl die Brust zusammen, als er ihrer letzten Behandlung – als er auch daran dachte, daß von jetzt ab dieser gelbe, häßliche und rohe Mensch ihr Aufseher sein sollte. Aber er hütete sich wohl, der armen, noch überdies so schwachen Frau ein Wort zu sagen, – er glaubte, daß sie das vielleicht nicht eben so scharf und peinlich fühle, als er selbst, und schweigend, Jeder mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schauten die Auswanderer auf das vor ihnen ausgebreitete Landschaftsbild hinab.