Es wurde ihnen aber nicht lange Pause gegönnt, denn der Mulatte drängte, den Platz endlich zu erreichen, da er wußte daß ihn sein Herr schon ungeduldig dort erwarte. Auch die Deutschen rafften ihre letzten Kräfte zusammen, – es war ja jetzt bald überstanden, und wanderten, so rüstig es gehen wollte, den schrägen Hang hinab, der sie hinunter in die Ebene führte. Aber sie hatten die Plantage schon weit früher erreicht, als sie glaubten, und fanden sich plötzlich in einem Wald, der nur aus angepflanzten Bäumen zu bestehen schien, da überall Reihen hindurchliefen. Allerdings hatten sie schon unterwegs einige solche passirt, aber in ihrer Ermattung gar nicht darauf geachtet.
Jetzt deutete der Mulatte mit einem Zweig, den er in der Hand hielt, um seinem Thier die Fliegen damit abzuwehren, hinüber auf die Bäume und sagte: »Café!«
»Kaffee?« rief Behrens verwundert.
»Sim! – cafezal.«
»Das sind ja Kirschbäume, Vater,« sagte Hannchen, und die Deutschen betrachteten verwundert die mit kleinen, rothen und grünen Früchten bedeckten Bäume. Der Mulatte aber, der jetzt glaubte, ihnen jede nöthige Aufklärung gegeben zu haben, spornte sein Thier an und sprengte rasch voraus, um jedenfalls die Ankunft des Trupps zu melden.
Jetzt lichtete sich der Kaffeewald, – denn es waren in der That Kaffeebäume, durch welche sie hinwanderten und das Ganze ein sogenannter Cafezal oder Kaffeegarten. Sie betraten wieder das offene Land mit einem Baumwollenfelde zur Linken und einer Zuckerrohranpflanzung zur Rechten. Voraus konnten sie schon die Gebäude erkennen, – ein niederes, breites, aber luftig gebautes Haus mit einer großen Veranda, die ringsherum lief und von einem Hain fruchttragender Orangen umgeben und zu beiden Seiten desselben, aber durch das Gebüsch vollständig bedeckt, niedere, aus Holz aufgeführte kleine Häuser, in denen, wie sie später fanden, die auf die Plantage gehörenden Neger ihre Wohnung hatten.
Zwei davon standen leer und wurden den beiden Familien angewiesen, wobei Behrens auch noch den, freilich jetzt sehr kleinlauten Burschen zugetheilt bekam. Behrens wollte dagegen protestiren, da er nicht mit zu ihrer Familie gehörte, aber man verstand ihn entweder nicht, oder wollte ihn auch nicht verstehen, und vor der Hand ließ sich nichts weiter in der Sache thun. Das regulirte sich doch wohl, wenn sie erst einmal an Ort und Stelle waren.
Für heute fühlten sich Alle so ermüdet, und kaum im Stande ihr Gepäck selber in die ihnen angewiesene Wohnung zu schaffen. Und sollten sie hier etwa für immer bleiben? Wie wüst und öde der Ort aussah, mit weiter keinem Fußboden, als der bloßen, hartgestampften Erde, aus der sogar an einigen Stellen, da er wohl lange nicht bewohnt gewesen, Grashalme emporsproßten, mit durchsichtigen Reisigwänden und keinem einzigen Möbel, weder Tisch noch Stuhl, darin. Nur an der hinteren Wand waren ein paar in den Boden eingerammte Bettgestelle aus rohen Pfosten und Stangen angebracht, mit Riethstücken darüber gelegt, und auf dem einen von diesen lag eine alte, mit blauem Zeug überzogene, ziemlich harte Matratze, aber so von Schmutz starrend, daß sie Behrens nur gleich hinaus vor die Thür zog, weil Niemand darauf liegen mochte.
Das war ein trauriger Aufenthalt inmitten dieser wunderbaren Vegetation, – und ein Garten? Hinter dem Haus lag ein Platz von vielleicht zehn Schritt Länge und Breite, den die früheren Bewohner dieser Hütte zu einem Düngerhaufen benutzt zu haben schienen, weiter nichts, denn dahinter begannen schon die Orangenbäume, und darin hatte Herr Meier in Europa also doch Recht gehabt, denn von denen lagen hier so viel herum, daß sie den Boden fast bedeckten und dorten faulten. Und trotzdem scheuten sich die Deutschen am ersten Tage davon zu nehmen, bis eine alte Negerfrau zu ihnen kam, und den Kindern eine ganze Schürze voll davon ins Haus schüttete.
Und wie sollten sie sich jetzt mit irgend Jemandem verständigen? Behrens hätte so gern gefragt, ob sie nicht einen Tisch und ein paar Stühle wenigstens bekommen könnten, und er suchte der alten Negerfrau das begreiflich zu machen. Sie verstand ihn auch vielleicht, denn er drückte sich pantomimisch deutlich genug aus, schüttelte aber mit dem Kopf und begann dann eine solche Menge von wunderlichen Gesticulationen, daß es Behrens endlich in Verzweiflung aufgab, irgend einen Bescheid von ihr zu erhalten. Die Kinder fürchteten sich dabei vor ihr, und Christian schrie gerade hinaus, wenn sie nur in seine Nähe kam. Aber sie lachte gutmüthig, nickte ihnen freundlich zu und ging dann wieder in ihre eigene Wohnung hinüber. Mit den Fremden war ja doch nichts anzufangen.