Einmal trafen sie den Herrn, gerade Mittags, als sie von ihrer Arbeit nach Hause gingen, und Behrens wollte ihm denn auch das mit dem Garten begreiflich machen; der aber winkte ihm gleich von vornherein ungeduldig ab und zeigte auf seinen Aufseher. Was hatte er mit den deutschen Knechten zu unterhandeln. Er wollte nichts von ihnen wissen – und dabei blieb es.
Auch Pölke wurde nicht anderswo einquartiert, obgleich der unruhige Gesell der Familie nur zu lästig fiel. Es blieb eben Alles beim Alten und die Leute mußten sich zuletzt darein finden. Ja, Behrens begann sogar an einem der Sonntage, wo sie in der That nicht zu arbeiten brauchten, sich selber Tisch und Stühle herzustellen, denn wenigstens den Negern hatte er zuletzt begreiflich gemacht, was er eigentlich wolle, und sie führten ihn zu einer kleinen, verfallenen Hütte im Wald drinnen, in welcher die eine Wand aus zusammengenagelten Brettern bestand. Allerdings schüttelte er hier mit dem Kopf, weil er sich nicht getraute etwas davon abzureißen, aber die Schwarzen schienen nicht so rücksichtsvoll. Im Nu waren ein paar von den Brettern losgebrochen. Säge, Hammer und Nägel führte er selber bei sich, und er konnte doch jetzt wenigstens einen Tisch und ein paar Bänke, und später auch sogar ein Bettgestell für seine Frau und das Kind herrichten.
Die Arbeit ging indessen fort, Monat nach Monat, – Zuckerrohr wurde gehackt und geschnitten, Baumwolle gepflückt, Kaffee eingesammelt, gereinigt und ausgemahlen, Cacao gesammelt und getrocknet, und die Männer erhielten nun ihre Hauptbeschäftigung im Wald mit der Axt, da der Besitzer der Plantage noch mehr Land urbar machen und besonders seine Kaffeepflanzung erweitern wollte. Damit verging ein volles Jahr, und wenn Behrens und seine Frau, wie überhaupt die älteren Deutschen, auch noch fast so wenig von dem Portugiesischen verstanden, als an dem ersten Tag, an welchem sie hier eingerückt, so hatten es die Kinder doch viel rascher aufgegriffen, und die Jüngsten besonders waren schon gar nicht mehr dazu zu bringen, ein Wort deutsch zu reden. Sie verstanden es natürlich, aber fortwährend in Gesellschaft der Schwarzen, eigneten sie sich vollständig deren Portugiesisch an und sprachen es genau so schlecht, wie diese.
Nur Hannchen, Behrens' älteste Tochter, hatte größere und bessere Fortschritte darin gemacht als die Anderen, denn überhaupt ein begabtes Kind, war sie auch häufig im Hause von Senhor Almeira und dessen Familie verwandt worden, und die Senhora hatte solchen Gefallen an ihr gefunden, daß es ihr selber Freude machte, sie dann und wann zu unterrichten. Anfangs schien auch Senhor Almeira gar nichts dagegen zu haben, denn es lag ihm sogar daran, endlich einmal Jemanden zu bekommen, durch welchen ein Verständniß mit den »dickköpfigen« Deutschen möglich wurde. Als sich aber die Kinder so gelehrig zeigten und die Jungen schon bald zu Dolmetschern verwandt werden konnten, zankte er oft, wenn er das junge Mädchen im Haus bei einem Buch oder mit der Feder fand, und schickte sie dann jedes Mal zu einer oder der anderen Arbeit.
Dem alten Behrens fraß indessen der Gedanke an seinen ihm vorenthaltenen Garten am Herzen. Vor der Arbeit scheute er sich nicht, – sie war schwer, ja, und wurde in der heißen Sonne noch schwerer, und angenehm war dabei ebenfalls nicht, daß sie mit den Negern in einem Feld schaffen mußten und mit ihnen unter einer Aufsicht standen; aber auch das würde er willig ertragen haben und ertrug es ja auch, wenn ihm nur sein Recht nicht dabei verkümmert wäre. Wie deshalb nur die Kinder ein klein wenig Portugiesisch verstanden, mußten sie schon fragen, wann er den Garten bekäme, und fortwährend darauf hinweisen, daß er im Contract stände, – aber ohne Erfolg. Der Mulatte nickte und lachte, der Herr selber gab gar keine Antwort und es blieb beim Alten.
Weit über ein Jahr waren sie solcher Art schon in ihrer Arbeit gewesen, und Behrens' Frau hatte indessen, von ihrem Mann unterstützt, genaues Buch über die gelieferte Arbeit gehalten. Ungefähr glaubten sie ihre Schuld auch etwa berechnen zu können, denn was die Passage auf dem Schiff gekostet, wußten sie ja bei Heller und Pfennig und demnach mußten sie das ihnen vorgeschossene Geld, wenn sie wirklich den niedrigsten Arbeitssatz für Brasilien annahmen – und darüber hatte ihnen Herr Kollboeker Manches erzählt – schon bald abgearbeitet haben. Es konnte nur noch eine sehr kurze Frist daran fehlen. Sollte er der paar Wochen wegen nun noch Streit um einen Garten anfangen? Es war nicht mehr der Mühe werth, denn sobald ihre Zeit ablief, gedachte der Mann wieder einen neuen Contract mit dem Herrn zu machen, um sich noch etwas baares Geld zu verdienen, und dann endlich, wenn sie noch etwa ein Jahr so gearbeitet hätten, selbstständig zu beginnen.
Brasilien war wirklich ein außerordentlich fruchtbares und reiches Land, darin hatten die Berichte nicht gelogen, und wer hier arbeiten wollte – und gesund blieb, konnte schon was vor sich bringen. Ein trauriges, elendes Leben hatten sie freilich das erste Jahr führen müssen, und daß sie eben gesund geblieben, konnten sie selber nicht recht begreifen. Mit dem zweiten Jahr mußte sich das nun aber auch bessern, denn sobald Behrens einmal seine Schuld abverdient, gedachte er sich selber ein kleines Häuschen zu bauen und das wohnlicher einzurichten, und dazu gab ihm der Herr auch gewiß die Zeit oder er bedung sich dieselbe noch besser gleich in dem neuen Contract aus.
So verging wieder ein Monat – und noch ein Monat, ohne daß sich das Geringste in ihrer Lage verändert hätte – nur die Arbeit war schwerer geworden, denn die Männer wurden jetzt fast einzig dazu verwandt, Wald urbar zu machen, um neuen Boden zu gewinnen.
Nur einen angenehmen Zwischenfall hatten sie; der junge Pölke, ein fauler und nichtsnutziger Gesell, der ihnen viel Kummer bereitet und auch ewig Streit und Unfrieden anstiftete, war eines Morgens verschwunden. Anfangs glaubten die Deutschen, daß er im Walde vielleicht verunglückt sei, bald aber stellte sich heraus, daß er Behrens' besten Rock und zwei gute Hemden mitgenommen hatte, und es blieb ihnen jetzt kein Zweifel mehr über sein Verschwinden. Er war eben fortgelaufen und wenn Senhor Almeira, der sehr zornig darüber schien, auch berittene Neger nach verschiedenen Seiten aussandte, um ihn wieder einzufangen, ja, Mancal, der Aufseher selber, fortritt und eine volle Woche ausblieb, fanden sie keine Spur von ihm. Nach Porto Seguro war er wenigstens nicht gekommen, und wenn ihm auf der Flucht kein Unglück zugestoßen, hatte er seinen Vertrag wenigstens gelöst.
Behrens' Frau jammerte allerdings über das Gestohlene, da sich die Wäsche gerade hier im Land so schwer ersetzen ließ; im Grund aber waren sie selbst um diesen Preis zufrieden, ihn los geworden zu sein, und nach vierzehn Tagen wurde gar nicht mehr von ihm gesprochen.