So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des Brasilianers den höchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein Aufseher – denn er selbst ließ keinen der Deutschen mehr vor sich – nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht die erhofften Preise gebracht, und sie müßten sich noch gedulden. Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid, aber auch der war nicht im Stande etwas für sie auszurichten, und sie sahen in der That ihres Jammers kein Ende.
Da geschah das Äußerste, was Behrens bis jetzt für möglich gehalten, denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kündigte ihm an, daß sein Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu der Kaffeeplantage geschlagen werden müsse, an welche er stieß. Die Deutschen sollten aber dafür ein ebenso großes Stück Land dicht daneben angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen.
Behrens lief jetzt, wahrhaft außer sich, nach dem Herrenhause hinüber, und wäre in diesem Augenblick vielleicht zu Allem fähig gewesen. Herr und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht Tagen nicht zurück erwartet, und schon am nächsten Morgen stellte der Mulatte seine Neger an, um die als Umzäunung dienenden Hölzer fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und junge Kaffeebäume dicht neben einander dort einzupflanzen.
Als Behrens an dem Tag nach Hause zurück kam, ergriff ihn ein hitziges Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, daß ein paar Negerburschen zu Hülfe gerufen werden mußten, um ihn nur zu bändigen. Endlich, nach einer der schlimmsten Nächte dieser Art, verhielt er sich ruhig, – es war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt öfter, der jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort blieb, wieder besuchte, erklärte er ihn außer Gefahr und verordnete nur noch gute Pflege.
Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Körper noch, und er hatte mit den Übrigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So saß er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn mit einem Tuch umwunden, vor der Thür seiner Hütte im Schatten, und sog, seinen trüben und düsteren Gedanken nachhängend, an einer Apfelsine, als Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg herabsprengte, der auf das Herrenhaus zuführte. Als er den Mann dort vor der Hütte sitzen fand, zügelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor Almeira zu Hause sei.
»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte der Deutsche in sehr gebrochenem Portugiesisch, »wir erfahren hier nichts davon.«
Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann plötzlich in deutscher Sprache: »Seid Ihr etwa Einer von den deutschen Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?«
»Leider, Herr,« erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache aus seiner Apathie aufrütteln konnte. Was lag auch daran, es war vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige genützt, hatten sie erfahren.
»Leider?« frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen, sondern stieg ab, hing den Zügel seines Thieres über den nächsten Baumzweig, und trat näher zu dem Deutschen. »Ihr seid krank, Freund?«
»Ich war krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der Hütte zurückgeblieben.«