»Ein liebes, freundliches Kind. Nun, lebt wohl für jetzt; der Herr da draußen wird ungeduldig, und wir dürfen ihn nicht böse machen –« und damit nickte er den Deutschen zu und schritt hinaus zu seinem eigenen Thier, neben welchem Senhor Almeira hielt und die Hütte schon mehrmals mit »Hallo! He da drinnen!« angerufen hatte. Der Brasilianer schien auch eben nicht besonders erfreut, den fremden, sehr anständig gekleideten Herrn aus der Hütte seiner Arbeiter kommen zu sehen. Was hatte er mit denen zu schaffen, daß er sich nicht vorher an ihn selber gewandt? Und seine Stirn zog sich zuerst in düstere Falten. Der Fremde schien das aber gar nicht zu beachten oder nur zu bemerken.
»Habe ich das Vergnügen, Senhor Almeira zu sehen?« sagte er, indem er hinaustrat und ihn höflich, aber auch nur leicht grüßte.
»Das ist allerdings meine Name,« sagte der Brasilianer, »aber hier nicht meine Wohnung, – mein Haus liegt dort.«
»Ja, ich weiß,« lächelte der Fremde, »könnte mir auch nicht denken, verehrter Herr, daß Sie selber in solch einem Stall wohnen würden.«
Es lag ein so eigener, trotziger Spott in den Worten, und doch war das ganze Wesen des Fremden dabei so achtungsvoll und höflich, daß Almeira nicht gleich wußte, was er aus ihm machen sollte. Jedenfalls mußte er aber herausbekommen, was der Fremde hier bei ihm wolle, oder ob sein Besuch nur eben zufällig, vielleicht auf der Durchreise nach irgend einer anderen Facienda sei; auch sprach er das Portugiesische so fließend, daß er über seine Landsmannschaft ganz irre wurde. Übrigens verstand es sich, der gastlichen brasilianischen Sitte nach, ganz von selber, daß jeder anständig gekleidete Reisende auch ohne Weiteres in das Herrenhaus geladen wurde, wo er so lange blieb, als es ihm gefiel. Die Facienderos im Inneren, auf ihren einsam und vereinzelt gelegenen Plantagen, freuen sich ja nur überdies, die Monotonie ihres täglichen Lebens manchmal durch einen Besuch unterbrochen zu sehen; hören sie dann doch auch immer wieder etwas von der Welt da draußen.
»Darf ich Sie dann bitten, mich zu begleiten?« sagte der Brasilianer deshalb auch mit einer einladenden Bewegung seiner Hand nach dem Haus hinauf, »wir haben nicht weit.«
»Wenn Sie mir erlauben, Senhor, mit dem größten Vergnügen,« und der Fremde ging zu seinem Pferd, das schon einer der rasch herbeigesprungenen Negerburschen losgemacht hatte, während er ihm die Steigbügel hielt, und gleich darauf sprengten die beiden Herren dem großen Hause zu.
Zehntes Capitel.
Der neue Besuch.
Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß wir, gar nicht etwa so selten im Leben, Menschen begegnen, die uns bei ihrem ersten Anblick abstoßen, ja, die wir hassen, ohne uns den geringsten Grund dafür angeben zu können. Woher das Gefühl kommt, wer kann es sagen; sie haben uns noch nichts zu Leide gethan, ja sind höflich, vielleicht gar freundlich mit uns gewesen, und trotzdem schnürt es uns in ihrer Gegenwart das Herz zusammen, und wir fühlen eine Last von unserer Seele genommen, wenn sie uns wieder verlassen.
Sonderbarer Weise bleibt auch diese Empfindung fast stets gegenseitig, und eben so ist es mit dem Gegentheil der Fall, mit Liebe und Freundschaft auf einen Blick, auf einen Händedruck geschlossen. Es gehört das jedenfalls zu den unbegriffenen Räthseln unseres Seelenlebens, die uns verborgen bleiben sollen, und die kein Denker je ergründen wird.