Elftes Capitel.
Gerettet.
An dem nämlichen Tag, an welchem der Deutsche die Plantage verlassen hatte, erlebte die Dienerschaft im Hause des Senhor Almeira eine sehr ungewöhnliche und hier wahrlich ungewohnte Scene: einen Zank zwischen ihrer Herrschaft, der ihnen, wenn sich die Parteien auch von der offenen Veranda fort in ihre Zimmer zogen, doch nicht verborgen bleiben konnte. Plötzlich gab die Senhora den Befehl, ihr Pferd zu satteln, und wenn auch augenblicklich Gegenordre vom Herrn selber kam, bestand sie doch so heftig darauf und drohte jetzt sogar vor den Leuten, zu Fuß die nächste Plantage zu erreichen, daß ihr zuletzt gewillfahrtet werden mußte.
Das Pferd stand schon gesattelt vor dem Haus, und noch war sie drinnen beschäftigt, – wie das kleine Mädchen nachher erzählte, ihre Koffer zu packen, – jetzt trat sie auf die Veranda. Auch das Pferd ihrer Dienerin, einer jungen Mulattin, wurde gebracht.
Senhor Almeira folgte ihr und suchte sie noch einmal zurückzuhalten. Sie antwortete ihm gar nicht. Von der Treppenstufe herab sprang sie in den Sattel und schon im nächsten Moment sprengte der kleine, muthige Schimmelhengst mit ihr die Straße hinab, daß ihr die Mulattin kaum folgen konnte.
Von dem Tage an hatten die in unmittelbarer Nähe des Herrn befindlichen Sclaven eine schwere Zeit, denn so hart war er noch nie mit ihnen verfahren. Er war wohl immer rauh und heftig mit ihnen gewesen, aber nie grausam; jetzt ließ er ein Paar, nur wegen leichter Vergehungen, auf das Unbarmherzigste peitschen, und ein junger Bursch, der ihm Morgens aus Versehen die Chocolade über das Beinkleid goß, wurde zur Strafe den ganzen Tag draußen in der brennenden Sonne an einen Pfahl gebunden.
So vergingen drei lange schwere Wochen, und Behrens hatte sich indessen wenigstens so weit von seiner Krankheit erholt, um doch wieder leichte Arbeiten zu verrichten, wozu ihn der Mulattenaufseher schon lange gedrängt. Es wurde ihm auch selber zu einsam in dem öden Hause, denn selbst die Kinder mußten jetzt den ganzen Tag draußen im Baumwollenfeld sein, um die reifgewordene Baumwolle aus den aufgesprungenen Kapseln zu pflücken.
Senhor Almeira hatte in der Zeit kaum sein Haus verlassen und außergewöhnlich viel in seinen großen Büchern geschrieben und gerechnet. Saß er doch manchmal bis spät in die Nacht darüber und Niemand durfte ihn dann stören. Ja, selbst wenn er zum Essen gerufen werden mußte, hatte der Diener strengen Befehl, nur eben draußen an die Thür zu klopfen.
Es war Sonnabend Nachmittag geworden und das Corps der Arbeiter und Sclaven – wenn überhaupt zwischen Beiden ein Unterschied stattfand – noch draußen im Feld beschäftigt, als eine kleine Cavalcade von Reitern auf der Straße sichtbar wurde. Ein Negerbursche hatte den Zug schon entdeckt, wie er sich nur eben durch das dunkle Grün der Kaffeebäume wand und seinem Herrn Meldung davon machen wollen, auch ein paar Mal schüchtern an die Thür desselben geklopft, aber keine Antwort erhalten, und dann natürlich auch nicht gewagt weiter vorzudringen. Jetzt sprengten sie den Weg hinauf, der nach dem Hause zuführte; der Herr drinnen im Hause mußte sie ja selber hören, und nun stiegen sie ab und warfen den herbeispringenden Negerburschen die Zügel zu. Und wahrhaftig, der Fremde, der an dem Tag hier gewesen, an welchem die Senhora das Haus verlassen, befand sich auch wieder unter ihnen, was die armen Teufel von Negern nicht wenig erschreckte. Daß der dem Herrn keine Freude machen würde, fühlten sie schon heraus, und wer anders mußte es nachher entgelten, als ihr armer Rücken, – an dem weißen Senhor durfte er ja seinen Zorn nicht auslassen.
Almeira hatte in der That das Gestampf der Pferde auf dem sonst so stillen Platz gehört und war in die Thür seiner Veranda getreten. Er mußte auch den Besuch von früher erkannt haben, denn er erbleichte und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, – aber zu spät; die eben Gekommenen hatten ihn schon bemerkt, und wenn er auch einige Bekannte aus Porto Seguro darunter erkannt, beunruhigte ihn doch die kalte Höflichkeit, mit der man ihn grüßte, denn es verrieth, daß der Besuch kein freundschaftlicher sein konnte.