»Und wenn ich Ihnen sage, daß er Sie nicht vergessen, daß er da drüben im fremden Land geschafft und gearbeitet hat wie ein braver, ehrlicher Mann, daß es ihm anfangs sauer, recht sauer wurde, daß er sich aber keine Mühe verdrießen ließ, bis er endlich doch seinen Zweck erreichte und nicht allein durch eisernen Fleiß, sondern auch glückliche Speculation und Umsicht ein Vermögen erwarb, mit dem er anständig hier in Deutschland leben könnte?...«

»Und in seinem Glück hat er unserer gedacht?« sagte die Frau leise und faltete wie unwillkürlich die Hände.

»Mehr als das,« fuhr Rottack herzlich fort; »es ließ ihm drüben in Brasilien keine Ruhe. Immer stand das Bild seiner verlassenen Familie vor ihm, und wie er sich endlich ein freier, unabhängiger Mann wußte, verließ er die Fremde und kehrte nach Deutschland zurück.«

»Er ist hier?« rief Henriette rasch, und die Frau deckte ihr bleiches Antlitz mit den Händen.

»Er ist hier,« sagte Rottack leise, »hier in der Stadt, und hat mich, der ihn drüben in Brasilien kennen lernte, zu Ihnen hergesandt, um Sie zu fragen, ob Sie ihm verzeihen wollen – ob er sein Kind wiedersehen darf.«

Henriette hatte ihr Antlitz an der Mutter Schulter geborgen, und diese antwortete nicht; sie lag still und regungslos, aber die großen, hellen Thränen liefen ihr, unter den Fingern weg, an den bleichen Schläfen nieder und netzten das Kissen, auf dem sie lag.

»Nicht wahr, der Vater darf wiederkommen, liebe, liebe Mutter?« bat das Kind, indem sie die Weinende heftig umschlang – »hast Das nicht manche lange Nacht in Thränen zugebracht, daß er fort war, und mir oft gesagt, wie er sich freuen würde, wenn er mich, sein Jettchen, einmal sehen könnte? – Und dann wird es Dir auch besser gehen,« flüsterte sie ihr leise zu, »Du wirst gesund und kräftig werden und brauchst keine Sorge mehr zu tragen, Dir nichts mehr versagen, wie doch so oft bisher...«

Die Frau nahm die Hände von den Augen, öffnete ihre Arme, umschloß ihr Kind damit und preßte die Lippen auf ihre heiße Stirn.

»Ja, mein Kind,« sagte sie dabei leise, »er darf wiederkommen – wir haben Beide recht viel ohne einander ausgestanden, recht viel, der Eine mehr, der Andere weniger – aber wir haben uns doch einmal geliebt, und es ist gut, wenn wir da nicht in Groll von einander scheiden.«

»Meine liebe, gute, gute Mutter!«