»Aber nicht heute,« fuhr die Mutter fort, »nicht heute – die Nachricht hat mich doch zu sehr angegriffen – ich würde es vielleicht nicht ertragen, oder Jeremias doch zu sehr erschrecken, wenn er mich gar so elend fände – heute nicht, aber morgen früh. Es ist besser so für uns Beide – wir haben Beide Zeit, uns zu sammeln und darauf vorzubereiten – nicht wahr, er kommt nicht heute, lieber Herr?«
»Er soll heute nicht kommen, verehrte Frau,« sagte Rottack, der mit inniger Rührung die Bewegung von Mutter und Tochter beobachtet hatte, aber Zartgefühl genug besaß, um kein Wort da hinein zu reden. »Sie dürfen sich nicht zu sehr anstrengen und aufregen, aber seien Sie auch versichert, daß Sie Ihre Freundlichkeit nicht bereuen werden. Jeremias ist ein braver, tüchtiger Mann geworden, älter zwar und ziemlich wohlbeleibt – wenn Sie noch ein anderes Bild von ihm in der Erinnerung tragen –, aber durchaus brav und ehrlich, und er könnte glücklich sein, wenn ihn die Reue über das Vergangene nicht bis jetzt hätte zu keinem Frieden kommen lassen.«
Henriette hatte, während er sprach, zu ihm aufgesehen, und freudige Dankbarkeit über die guten Worte glänzte dabei in ihren Zügen.
»Und wie sollen wir Ihnen je dafür danken, daß Sie sich fremder, armer Leute mit solcher Liebe und Güte annehmen?« sagte sie herzlich.
»Mir, mein liebes Fräulein, haben Sie gar nicht zu danken,« lächelte Rottack; »es ist einmal meine Bestimmung auf der Welt, mich eigentlich um lauter Sachen zu bekümmern, die mich gar nichts angehen, und um so mehr durfte ich hier die Hand bieten, wo ich Ihren Vater seit langen Jahren kenne und in seinem Wirken und Schaffen beobachtet habe, ohne freilich damals zu ahnen, welchen Verpflichtungen er sich hier entzog. Und darf ich ihm jetzt wenigstens einen Gruß von Ihnen bringen?«
»Oh, einen recht herzlichen!« rief Henriette.
»Er mag kommen,« nickte die Frau, »morgen früh um zehn Uhr – nicht früher – ich will ihn dann erwarten. Grüßen Sie ihn auch von mir, lieber Herr, sagen Sie ihm aber auch, wie Sie die junge Frau, die er verlassen hat, wiedergefunden haben – er soll nicht erschrecken – ich bin recht alt und schwach in den Jahren geworden.«
»Aber jetzt wirst Du wieder gesund werden, Mütterchen.«
»Wir wollen's hoffen, Kind,« sagte die Frau leise.
»Und jetzt überlasse ich Sie sich selber,« rief Rottack, »und wenn Sie mir erlauben, komme ich später noch einmal mit Freund Jeremias her, um zu sehen, wie es Ihnen geht, und – um mich nach dem Kranze zu erkundigen, mein liebes Fräulein.«