»Ach nein, gnädige Comtesse,« lächelte der alte Mann, mit dem Kopf schüttelnd; »ich habe mich vorher mit dem Förster eine ganze Weile unterhalten und jedes Wort verstanden; es macht sich doch noch immer. Freilich, so gut ist's nicht mehr, wie früher. Aber mit Ihnen geht's desto besser. Lieber Gott, wenn ich dran denke, wie Sie hier an der nämlichen Stelle manchmal um mich her im Sand herumkrochen und mit dem großen Neufundländer Hund spielten, den der gnädige Herr Graf damals hatte – armer Tyras, dort drüben unter dem Goldregenbusch haben wir ihn begraben! Ja, wie die Zeit vergeht, und jetzt sind Sie so groß und hübsch herangewachsen und eine vornehme Dame geworden; aber ich sehe Sie immer noch, was Sie für ein liebes, herziges Kindchen waren, mit den langen, blonden Locken, und manches gesegnete Mal hab' ich Sie auf den Armen gehabt und bin dann hier mit Ihnen um den alten Thurm herumgaloppirt.«

»Mein alter, guter Jonas!« sagte Paula gerührt; »ja, ich weiß mich selber noch recht gut auf Tyras zu besinnen.«

»Na,« lachte der alte Mann, »die gnädige Frau Mama hatte es freilich manchmal nicht gern, wenn wir zu sehr mitsammen tollten, aber dann hat sie doch auch wieder darüber gelacht.«

Paula sah wohl, daß mit dem alten Mann kein Gespräch mehr zu führen war, mochte ihm aber auch nicht weh thun, nickte ihm freundlich zu und schritt dann zu der Mauer, an der sie stehen blieb und sinnend nach der Stadt hinuntersah. Nur manchmal drehte sie sich nach dem Alten um, der noch immer mit seinem Handwerksgeräth herumwirthschaftete, bis er die Leiter endlich wieder schulterte und mit einem: »Na, Gott behüt' Sie, gnädige Comtesse!« den Kiesweg hinabschritt.

Kaum war er fort, als sie wieder ein kleines Zettelchen aus ihrer Tasche nahm, dasselbe zusammenfaltete, sich vorsichtig noch einmal überall umschaute, und es dann an dieselbe Stelle schob, von der sie heute Morgen das rosafarbene Papier genommen. Dann schritt sie langsam wieder und recht schwer aufseufzend in das Haus zurück.

Der Nachmittag verging so, der Abend dämmerte und um das Haus im Park begannen die Vögel sich zu ihrer Nachtruhe vorzubereiten. Die Amsel, welche den ganzen Tag geschwiegen und mit eisernem Fleiße Futter für sich und die junge Brut zusammengesucht, begann ihr reizendes, melodisches Lied, das sie noch, wie ein Nachtgebet, schmetternd von der höchsten Spitze eines Blüthenbusches hinausjubelte. Hier und da zwitscherte ein Rothkehlchen, um die Gefährtin herbeizurufen und mit ihr gemeinsam den geschützten Platz in irgend einem Gesträuch aufzusuchen, wo sie Nachts nicht von einer gefräßigen und lichtscheuen Eule gefunden werden konnten. Jetzt flatterte ein großer, schwerer Vogel, es war ein Fasanenhahn, der sich in einen der jungen Bäume hinaufschwang und dann mit thörichtem Spectakel, Schreien und Glucksen der Nachbarschaft verkündete, daß er glücklich oben angekommen wäre, und wo er die Nacht schlafen würde. Er hörte auch nicht eher mit Lärmmachen auf, bis er sich ordentlich zurecht gerückt und seine Federn gehörig aufgeblustert hatte.

Dann kam ein anderer und noch ein anderer, wie es dunkler wurde, und die Fledermäuse fingen schon an, ihre Zickzacklinien zu ziehen, während noch hoch in der Luft, und in dem dämmernden Abend selbst unsichtbar, ein Volk Krähen mit lautem Gekreisch nach ihrem Ruheplatz, zu dem fichtenbesetzten Bergabhange hinüberstrich.

Dann wurde es still, ganz still. Nur die Grillen zirpten noch in den Bäumen und unten vom Schloßteiche herauf tönte das monotone, schläfrige Quaken der Frösche. Drüben am östlichen Himmel aber hob sich voll und majestätisch die rothglühende Mondscheibe herauf, und während sich unten im Thal der Nebel sammelte, goß sie hier oben, als sie höher stieg, voll und klar ihr mildes Licht über die Höhen.

Aber anderes Leben regte sich.

Den Kiesweg herauf, der durch den Park führt, trabte ein Reiter. Es war der junge Graf George, welcher von seinem Besuch zurückkehrte, sein Pferd dem herzuspringenden Stallknecht übergab und dann hinauf in sein Zimmer ging.