Zu gleicher Zeit belebte sich auch der Platz am alten Thurm. Zuerst schüttelte sich in geheimnißvoller Weise einer der Wipfel junger Bäume, die dicht an der Mauer standen; dann wurde über dieser ein vorsichtig gehobener Kopf sichtbar, der aber viele Minuten lang aufmerksam in seiner Stellung verharrte und in dem Schatten der dichten Wipfel auch kaum, selbst von der Terrasse aus, hätte erkannt werden können. Erst als Alles ruhig blieb, regte sich die Gestalt auf's Neue, und der Maulwurfsfänger – dem der Graf so ernstlich den Besuch des Grundstücks nach Dunkelwerden verboten hatte – kroch vorsichtig über die niedere Mauer und sprang auf den Rasenrand nieder, der die Büsche umschloß, damit in dem aufgerechten Kiesweg seine Fußstapfen nicht sichtbar wurden.
Irgend etwas Nichtsnutziges hatte der alte Bursche im Werk, das war sicher, er hätte sonst nicht so scheu den dunkelsten Schatten der Bäume gesucht und jede nur mögliche Vorsicht gebraucht, um nicht entdeckt zu werden. So düster der kleine, baumumschlossene Platz hier auch lag, er hielt sich nicht lange dort auf, horchte noch einmal, ob Alles sicher war, und tauchte dann in das dichte Strauchwerk einer kleinen Tujagruppe ein, das sich wie eine Mauer wieder hinter ihm schloß.
Und es war die höchste Zeit gewesen, daß er sich entfernt hatte, denn kaum konnte er den Platz fünf Minuten verlassen haben, als auf dem kleinen Pfad, der hier vom Park heraufführte, ein anderer scheuer Besuch heranschlich, der eben so vorsichtig, wie der ihm vorausgegangene, nach allen Seiten horchte und dann langsam den kleinen Hügel erstieg, auf welchem der alte Thurm lag.
Der jetzige Besuch trug einen dunkeln Mantel und eine ebensolche Mütze, und blieb, als er den obern Raum erreichte, vorsichtig stehen und horchte wieder; aber nichts regte sich, todtenstill lag der Platz, und nur rechts im Dickicht – er drehte erschreckt den Kopf danach um – flatterte ein kleiner Vogel und strich, aufgeschreckt von seinem Ruheplatze, ängstlich zwitschernd über die Hügelgruppe und in das nächste Dickicht hinein.
Handor – denn niemand Anders war der späte und heimliche Besuch – dachte aber nicht daran, daß irgend eine Ursache das kleine Thier erschreckt haben mußte, und daß das möglicher Weise ein Mensch sein könne, dem er hier gerade nicht gern begegnet wäre. Er fühlte sich vollkommen beruhigt, als er sah, daß die Ursache des Geräusches nur ein kleiner, unschuldiger Vogel gewesen. Am Wartthurm war Niemand, und als er sich überzeugt hatte, glitt er zu der nämlichen Stelle der Mauer, wo Paula an jenem Nachmittag erst das kleine Zettelchen verborgen hatte. Das fand er auch und öffnete es, aber es war nicht möglich, bei dem ungewissen Schein des Mondes die noch dazu auf dunkles Papier geschriebenen feinen Schriftzüge zu lesen; er schob den Zettel deshalb in die Tasche, hüllte sich wieder in seinen Mantel und trat dann, um seine Zeit abzuwarten, halb in das nämliche Tujagebüsch hinein, in welchem vorher der Maulwurfsfänger verschwunden war. Aber doch nicht so weit, daß er den freien Platz hier oben nicht vollständig hätte übersehen können, während er beim Nahen irgend einer Gefahr im Stande war, in dem Dickicht zu verschwinden.
So mochte er etwa eine Viertelstunde regungslos, und dem geringsten Geräusch horchend, gestanden haben, als er plötzlich einen großen Vogel weiter drin im Dickicht und etwas mehr den Hang hinunter flattern und mit den Flügeln schlagen hörte. Er horchte hoch auf; das dauerte aber kaum zehn oder zwölf Secunden, dann war wieder Alles todtenstill.
»Was nur mit den verdammten Vögeln heut Abend ist!« flüsterte Handor leise und ärgerlich vor sich hin; »mich können sie doch wahrhaftig nicht gehört haben.«
Aber ihm blieb auch keine lange Zeit, darauf zu achten, denn im Knirschen des Kieses hörte er einen leichten Schritt und erkannte gleich darauf eine dunkle Gestalt, die rasch und scheu den Weg heraufkam. Jetzt fiel das Mondlicht auf sie – es war Paula, und im nächsten Augenblick hielt er die Geliebte in den Armen.
Mit süßen Schmeichelworten wollte er sie begrüßen; aber Paula hatte in diesem Moment nur Thränen, denn Angst und Aufregung, die ihre Nerven zum Äußersten gespannt, übertäubten bei diesem ersten Begegnen jedes andere Gefühl.
»Mein liebes Mädchen,« flüsterte Handor, »beruhige Dich doch, ich bin ja bei Dir, ich halte Dich ja wieder einmal in den Armen! – Was ist Dir denn nur, Deine ganze Gestalt zittert ja wie Espenlaub.«