»Die Angst, entdeckt zu werden, Rudolph,« bat das arme Mädchen; »oh, zürne mir nicht, aber nur mit schwerem Herzen wagte ich den Schritt – nur gezwungen von der Gewalt der Eltern, die mich ihren Standesvorurtheilen opfern wollen.«
»So ist das Furchtbare wahr?«
»Leider ja – morgen in acht Tagen soll ich dem jungen Grafen Bolten verlobt werden; ich habe gebeten und gefleht – umsonst, Vater und Mutter haben kein Erbarmen gegen ihr Kind, und mit Gewalt soll ich zum Altar geschleppt werden!«
»Das dürfen sie nicht, Herz,« rief Handor, »das ist gegen die Gesetze des Landes, und wenn Du Dich weigerst...«
»Aber wie darf ich, wie kann ich denn?« klagte das arme Mädchen. »Bin ich denn im Stande, ihnen zu sagen, daß ich Dich, nur Dich liebe und nie einem andern Manne meine Hand reichen, ihn mit einem schon vergebenen Herzen betrügen würde?«
»Meine Paula...!«
»Ich wage es nicht,« fuhr die Grafentochter fort; »ich kenne meinen Vater, kenne meine stolze Mutter, die mir schon den Gedanken, die Bitte nicht vergeben würden!«
»So flieh mit mir, Geliebte!« drängte Handor. »Was hält Dich hier, wo Du selber keine Hoffnung hast, einer gehaßten und verabscheuten Verbindung zu entgehen, ja, wo eine Aussicht eines öden, trostlosen Lebens vor Dir liegt? Oh, ich weiß,« fuhr er traurig fort, »daß ich Dir das nicht bieten kann, was in den Armen jenes Grafen Deiner wartet – kein stattliches Schloß, keine blendende Equipage, keinen Dienertroß; aber was die Liebe Dir zu bieten vermag, womit die Kunst Dich erfreuen kann, Paula, das ist Dir gewiß, und Deine Eltern – es müßten ja keine Menschen sein, wenn sie dem eigenen Kind entsagen, die einzig Tochter auf ewige Zeiten von sich stoßen würden. Dein Vater wird wüthen, ja, er wird uns verfolgen lassen, um Dich mir mit Gewalt zu entreißen; aber fürchte nichts: in meinem Schutze bist Du sicher, und hat der erste Ärger über einen zerstörten Plan sich ausgetobt, ist der erste Mißmuth vorüber, getäuschter Hoffnung wegen – er gerade am wenigsten wird grausam sein. Denke Dir dann, Herz,« fuhr er fort, während sie sich ängstlich und zitternd an ihn schmiegte, »denke Dir jene selige Zeit, wenn ich, mit Deinen Eltern versöhnt, Dich ihnen wieder zuführen kann, wenn wir vereint zu ihren Füßen liegen und ihr Segen dann die Bande heiligt, die uns des Himmels Seligkeit schon auf Erden gegeben haben!«
»Mein Rudolph, mein Rudolph, oh, wie glücklich, wie namenlos glücklich würde mich Dein Besitz machen!« rief das junge, leidenschaftliche Mädchen. »Ich kann ja nicht ohne Dich leben – Gott nur weiß es, Tag und Nacht sind meine Gedanken bei Dir, und wenn ich mir jetzt denke, daß ich von Deiner Seite gerissen, daß ich einem Manne überliefert werden soll, den ich nicht lieben kann, so liegt mein künftiges Leben kalt und dunkel vor mir wie eine ewige, endlose Winternacht!«
»Meine Paula!« rief Handor und preßte sie fest an sich; aber im nächsten Moment horchte er auch rasch und erschreckt empor. Drinnen im Busch flatterte wieder ein Vogel, aber jetzt weiter entfernt als vorhin, und es war ihm fast, als ob er den Schritt eines Menschen auf dem Kiesboden gehört hätte.