Zehn Minuten vor zehn Uhr stand Pfeffer oben in der Stube seiner Schwester fertig angezogen, denn er mußte wieder hinüber in die Probe.

Die Kranke fühlte sich heute bedeutend besser, aber sie sah leidender aus, als je, denn die Erregung dieser Stunde hatte alles Blut aus ihren Wangen getrieben und ihren Augen einen fast überirdischen Glanz verliehen.

»Höre 'mal, Guste,« sagte Pfeffer, während er sie kopfschüttelnd betrachtete, »Du gefällst mir heute gar nicht, und wenn ich wüßte, daß der Patron, der Stelzhammer, Dich am Ende durch sein Wiederkommen noch kränker machte, wie damals durch sein Fortlaufen, so wartete ich lieber noch ein klein bischen da draußen auf dem Gang und schmiß ihn dann, wenn er sich oben blicken ließe, einfach die Treppe hinunter – steil genug ist sie.«

»Mir ist viel besser heute, Fürchtegott,« sagte lächelnd die Frau; »ich sehe nur ein bischen angegriffen aus.«

»Das weiß Gott!« brummte Pfeffer – »und wenn ich nur eigentlich wüßte, was er wollte? Geschieden seid Ihr und müßt geschieden bleiben...«

»Und kannst Du es ihm verdenken, daß er Sehnsucht nach seinem Kinde hat?«

»Hm,« knurrte ihr Bruder ärgerlich in den Bart, »hat dann verdammt lange Zeit gebraucht, bis sie zum Durchbruch kam!«

»Fürchtegott...«

»Na meinetwegen, das macht Ihr jetzt mit einander ab – ich muß in die Probe, aber recht ist mir's nicht, das kann ich Dir versichern, und viel lieber wär's mir gewesen, wenn ich dem Herrn erst einmal hätte auf den Zahn fühlen dürfen – Windbeutel der – Herr Gott, jetzt ist's schon in drei Minuten Zehn, und ich fange an... – na also, halt' Dich tapfer, Alte,« sagte er, indem er der Schwester mit mehr Herzlichkeit, als er sonst gern zeigen mochte, die Hand reichte – »reg' Dich nicht zu sehr auf. Jettchen, Dir bind' ich sie auf die Seele – na, das wird ein bischen Heulerei werden, und ist mir doch lieb, daß ich nicht dabei zu sein brauche,« – und seinen Hut aufstülpend, verließ er rasch das Zimmer.

Unten auf der Straße ging er, den Hut in die Stirn gezogen, die linke Hand auf dem Rücken, die rechte vorn in den zugeknöpften Rock gesteckt, rasch seines Weges, als er einem kleinen, wohlbeleibten ältlichen Herrn begegnete, der kein bestimmtes Ziel zu haben schien, auch ein paar Mal stehen blieb und an den Häusern hinaufsah, als ob er eine Nummer suche.