Als ihm Pfeffer begegnete, sah ihn dieser mißtrauisch über die Brille an. War das etwa der Schwager – so dicht am Hause und unmittelbar vor zehn Uhr?

Der Fremde hatte ihn jedenfalls aus dem Hause kommen sehen und betrachtete ihn ebenfalls, und als Beide sich passirt hatten, sahen sie sich gegenseitig noch einmal um.

Aber er konnte es doch nicht sein, er ging an der Thür vorbei. Pfeffer hatte sich ihn auch ganz anders gedacht, aber augenblicklich keinen Moment Zeit mehr zu verlieren, um darüber nachzudenken, eben schlug es vom Rathhausthurm zehn Uhr, und wie er stets außerordentlich pünktlich war, haßte er nichts so sehr auf der Welt – außer einem schlechten Glas Bier – als Strafe wegen Versäumnis zu zahlen.

Es war aber trotzdem Jeremias gewesen, dem er da begegnete, und dieser hatte ebenfalls einen starken Verdacht, daß der Herr, der ihn so aufmerksam betrachtete, mehr von ihm wußte, als ihm augenblicklich angenehm war. Er ging deshalb an dem Hause vorbei – richtig, er sah sich nach ihm um – immer noch ein Stück die Straße hinab, bis jener um die Ecke verschwunden war. Dann erst kehrte er zurück. Es schlug gerade zehn Uhr vom Thurm; das war die Zeit, und jetzt der Augenblick gekommen, den er ersehnt und gefürchtet, Jahre lang – und auf den Hacken drehte er um und betrat festen Schrittes das wohlgemerkte Haus.

Auf der ersten Treppe ging es auch so ziemlich; er schritt Stufe nach Stufe rasch empor, ja, er zählte die Stufen, während er sie betrat, vergaß aber eben so rasch die Zahl, und wie er den dritten Absatz erreichte, mußte er stehen bleiben, denn der Athem ging ihm aus und er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und wie ihm dabei das Herz schlug – er hätte es nicht für möglich gehalten, daß es im Leben so klopfen könnte. Aber was half es – er war angemeldet, die Zeit verstrichen, und je länger er hier zögerte... – die Zähne zusammenbeißend, nahm er einen frischen Anlauf, und jetzt war er oben. Drinnen im Zimmer hatten sie seinen Schritt schon gehört. Jetzt stand er an der Thür und hob den Finger zum Anklopfen. Die Adern pochten ihm in der Stirn, als ob sie ihr zähes Gewebe zersprengen wollten – es mußte sein.

»Herein!«

Langsam öffnete er die Thür – mitten im Zimmer stand bleich und zitternd ein liebliches, jugendfrisches Kind, auf dem Sopha saß eine ernste und doch freundliche Frauengestalt – er sah aber ihre Umrisse nur, die düster, wie in einem Nebel, mit Regenbogenrändern zusammenflossen.

Er trat in's Zimmer und drückte die Thür wieder hinter sich in's Schloß, und keinen Schritt wagte er weiter hinein zu thun.

»Und bist Du das wirklich, Jeremias – bist Du wirklich endlich zurückgekehrt, um Dein Weib, Dein Kind noch einmal zu sehen?« sagte die Frau mit ihrer milden, aber jetzt schmerzbewegten Stimme.

Jeremias war nicht im Stande zu antworten, sein Hut fiel auf den Boden nieder; mit beiden Händen deckte er sein Gesicht, und Thränen, heiße, brennende Thränen quollen ihm aus den Augen.