Aber da hielt sich Henriette nicht länger. –
»Vater!« rief sie, flog an seinen Hals und legte ihre Arme um ihn – »Vater, lieber, lieber Vater! oh, daß ich den Namen endlich gefunden habe – nun darfst Du nicht wieder fort von uns – nie, nie, darfst die Mutter nicht wieder, darfst Dein Kind nicht mehr verlassen!«
Das brach das Eis. Jeremias nahm die Hände von den Augen, und sein Kind umfassend und an sich drückend, schluchzte er unter Thränen: »Jettchen, Jettchen, kennst Du denn Deinen weggelaufenen Vater noch?«
»Mein lieber Vater – und wie hat sich die Mutter auf den Augenblick gefreut! Komm zur Mutter!« und ihn leise führend, zog sie ihn zum Sopha, wo die Frau, ihre Augen von Thränen überströmend, saß – aber es waren Freudenthränen, wenn sich auch mancher Tropfen Wermuth hineinmischte.
Jetzt hatte er die Stelle erreicht – sehen konnte er kaum, denn wie ein Netz schwamm es ihm in farbigen, schillernden Lichtern vor den Augen, aber er fühlte eine sich ihm entgegen streckende Hand, und ehe er selber recht wußte, wie ihm geschehen, saß er auf dem Sopha neben der Gattin, die ihr Haupt wie müde an seine Brust lehnte und leise weinte.
»Meine gute, gute Auguste – und kannst Du wirklich dem schlechten Menschen verzeihen, der zu feige war, Noth und Mangel mit Dir zu tragen, und hinaus in die Welt lief wie ein richtiger Vagabond?«
»Mein armer Jeremias, wir haben Beide recht viel ausgestanden!«
»Das weiß Gott, das weiß Gott!« stöhnte der kleine Mann, indem er zum ersten Mal einen Versuch machte, sich die Augen zu trocknen – »recht viel haben wir ausgestanden, Auguste, und es vielleicht nicht einmal so schwer verdient, denn wir waren Beide noch jung und hatten keinen Begriff von dem, was zum Leben gehörte. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder da und kann wenigstens einen Theil meiner Schuld sühnen.«
Die Frau seufzte auf, recht aus tiefster Brust, aber sie sagte kein Wort, nur fester lehnte sie ihr Haupt an die Schulter des Verlorenen und Wiedergewonnenen, und Jeremias küßte ihre Stirn, und rascher als je rollten ihm die Thränen über die Wangen nieder.
Jeremias war aber keine Natur, die sich solchen Gefühlseindrücken lange gutwillig hingegeben hätte. Thränen – er wußte sich der Zeit nicht zu erinnern, daß ihm eine Thräne in's Auge gekommen wäre, und jetzt weinte er wie ein kleines Kind! Das ging nicht. Mit einer wahren Energie faßte er sein rothes, schon ganz nasses seidenes Taschentuch auf, wischte sich entschieden die Augen ab und sagte: