»Und das ist Jettchen? Lieber Gott im Himmel, wenn ich noch an den Abend zurückdenke, wo ich dem Kind den letzten Kuß gab – aber nein, das ist jetzt vorbei, das ist überstanden! Ich bin wieder bei Euch – ich war damals ein schlechter – nein, kein schlechter Mensch, Auguste, glaube mir das! Ich bin nie schlecht, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig gewesen, und jetzt habe ich nichts weiter auf der Gotteswelt zu thun, als das wieder gut zu machen, so viel es nämlich in meinen Kräften steht...«
»Mein lieber Vater...«
»Und hast Du mich denn wirklich lieb, Kind?« rief Jeremias gerührt. »Guter Gott, es ist so lange her, daß ich mich kaum noch erinnern kann, es hätte mich jemals ein Mensch in meinem Leben lieb gehabt!«
»Jeremias...«
»Ja, Auguste, Du!« sagte er herzlich – »und das einzige Wesen, das mich wirklich lieb hatte, habe ich auch am allerschlechtesten behandelt!«
»Und trug ich denn nicht selber mit die Schuld?«
»Nein, Auguste, nein, wahrhaftig nicht! Glaub's ihr nicht, Jettchen – sie war immer brav und gut, nur viel zu gut, viel zu gut für mich, und erst draußen mußte ich's einsehen, mußte ich's fühlen lernen, draußen unter den fremden Menschen, die mich da und dorthin stießen! Liebe – wer hat da draußen Liebe zu einem Andern!«
»Armer Vater!«
»Ja, mein Kind, wohl kannst Du sagen: »armer Vater«, denn nicht allein, daß mir's so schlecht ging, daß ich Hunger und Noth zu leiden hatte – das geschah mir recht, und manchmal hätte ich mich ordentlich darüber freuen können, aber die Reue kam noch dazu, die Reue, daß ich schlecht an Euch gehandelt, und nur erst, als ich die Möglichkeit sah, daß ich das jemals wieder, wenigstens zum Theil, gut machen könnte, wurde es besser. Da habe ich auch wohl noch gedarbt, aber gespart dabei, jeden Reïs gespart und zurückgelegt, und da wurde es mir auch wieder im Herzen wohl, da wurde ich wieder froh und glücklich, und jetzt – Gott sei ewig Lob und Dank! – jetzt ist auch das überstanden, und Ihr sollt nun keine Noth mehr leiden!«
»Wir haben noch keine Noth gelitten, Jeremias,« sagte die Mutter freundlich.