Jeremias hatte die Frau jetzt zum ersten Mal aufmerksamer betrachtet, und ein eigenes, wehes Gefühl zuckte ihm durch's Herz, als er in die bleichen, abgehärmten Züge schaute, auf denen ihn das augenblickliche Roth der Erregung nicht täuschen konnte. – »Aber, Auguste,« sagte er leise, »Du bist wirklich krank – was fehlt Dir nur? Hast Du keinen Arzt?«

»Ja Jeremias,« nickte lächelnd die Frau, »ich habe einen Arzt, aber er kommt nur selten, denn er kann mir ja doch nicht helfen. Jetzt ist der beste Arzt mit Dir eingezogen: das Gefühl, daß Du uns doch nicht ganz vergessen hattest und daß ich, wenn ich einmal von hier scheide, das arme Jettchen nicht ganz schutzlos in der Welt zurücklasse.«

»Meine Mutter...«

»Laß, mein Kind – wir bleiben vielleicht noch eine Weile beisammen, und an dem Onkel hättest Du ja auch wohl eine Stütze gehabt; es wird jetzt gewiß wieder besser gehen.«

»Du bist recht krank, Auguste...«

Die Frau schüttelte lächelnd mit dem Kopf. – »Lange nicht so krank, als Du denkst. Aber nun erzähle mir, mir und Deinem Kinde, wo Du die langen Jahre gewesen und wie es Dir ergangen. Du kannst doch wohl glauben, daß wir neugierig sind, das zu hören.«

Jeremias fühlte recht gut, daß sie seine Aufmerksamkeit nur von sich selber ableiten wollte, und warf einen scheuen Blick auf Jettchen, in deren Augen wieder Thränen standen; aber wenn sie es selber wünschte, mochte er ihr auch nicht entgegenhandeln. So neben ihr, ihre Hand in der seinen, gab er ihr jetzt mit kurzen Worten eine gedrängte Übersicht seines ganzen, vielbewegten Lebens. Dabei aber, und von der Gegenwart abgelenkt, brach auch oft wieder der alte, drollige Humor durch und rief manchmal ein Lächeln auf die Züge von Frau und Tochter. Je weiter er aber darin kam, desto wärmer wurde er selber, und wie er erst von der Zeit erzählen konnte, wo sich seine Umstände besserten, wo er anfing, Geld zu verdienen und von Tag zu Tag die Stunde näher rücken sah, in der er zu den Seinen zurückkehren konnte, da glühte sein dickes, gutmüthiges Gesicht in Freude, und nun fing er auch an aufzuzählen, was er verdient hatte, und zuletzt wie rasch und leicht, »Hand über Hand«, wie er sich ausdrückte, und wie die, welche ihm noch nach so langen Jahren ihre Treue und Liebe bewahrt, nun auch keine Noth mehr leiden sollten, und wie er sie hegen und pflegen wolle sein ganzes Leben lang.

Wie er mitten im Erzählen war, ging plötzlich die Thür auf und Pfeffer stand auf der Schwelle.

»Ob ich mir's denn nicht gedacht habe,« sagte er, mit dem Kopf nickend – »also das ist Herr Stelzhammer? Sieh' mal an, und schon ganz häuslich niedergelassen...«

»Herzonkel!« rief Henriette und flog auf ihn zu – »ach, wir sind so glücklich, daß er wieder da ist!«