»Ach, und weiter verlange ich ja auch nichts auf der Welt, Felix, als nur einmal, ein einziges Mal an ihrem Herzen zu ruhen und den süßen Namen Mutter auszusprechen. Dann will ich ihren Frieden nie, nie wieder stören; ich ziehe fort mit Dir, wohin Du mich führst, und will selig sein – schwelgen in der Erinnerung an den einen Augenblick!«

»Und der Wunsch wird Dir erfüllt werden, Helene,« sagte Felix freundlich, »glaube mir; sie wird vielleicht noch Widerstand leisten, weil sie nicht weiß und wissen kann, wie weit Deine Ansprüche an sie gehen. Sie wird bis dahin ihrem eigenen Herzen Gewalt anthun, aber nicht weiter, und dann später die Stunde segnen, welche Dich wieder in ihre Arme führte. Glaubst Du mir?«

»Oh, ich glaube Dir ja so gern, mein Felix,« rief Helene, ihn an sich ziehend, »weiß ich ja doch, wie treu und gut Du es mit mir meinst!«

»Und nun auch nicht mehr traurig, mein Schatz,« lachte der junge Graf; »jetzt mußt Du Dich zerstreuen; Du darfst mir nicht länger grübeln und denken. Sieh nur das kleine fröhliche Völkchen, das sich dort am Boden balgt, oder noch besser, komm, wir wollen ein wenig musiciren, das verjagt Dir am besten alle häßlichen Gedanken; komm.« Und seine Geige, die unter dem Flügel stand, herausnehmend, stimmte er sie, während die Kinder ebenfalls ihr bisheriges Tollen aufgaben und Günther jubelnd ausrief:

»Das ist recht, nun können wir zusammen tanzen, Lenchen!«

Die Mutter mußte sich wohl fügen. Noch lag ein Zug von Wehmuth um die zarten Lippen, aber sie lächelte doch schon wieder, und bald übte die Musik ihren vollen Zauber auf sie aus, der sie rasch alles Andere vergessen ließ. Mitten in einer jener Weisen waren sie auch schon, die Felix damals in stiller Nacht unter dem Fenster der Geliebten gespielt, und die Kinder, rücksichtslos auf Tact und Tonstück, nur in der Lust, Musik zu hören, hatten sich dabei umfaßt und tanzten und jubelten im Zimmer umher, als einer der Diener die Thür öffnete und anfragte, ob Graf George Monford die Ehre haben könne, die Herrschaften zu sprechen. Er übergab dabei zugleich dessen Karte.

»Graf Monford?« Helene fühlte, wie sie erbleichte.

»Es ist der junge Graf,« flüsterte ihr Felix leise zu; »fasse Dich, Herz, ein Höflichkeitsbesuch. – Es wird uns angenehm sein.«

Wenige Secunden später öffnete sich die Thür und Graf George trat ein, aber nicht als förmlicher Besuch, wie Felix gedacht, sondern in seiner liebenswürdigen, offenen Weise, und schon in der Thür rief er freundlich:

»Ich kann es mir nicht vergeben, Sie gestört zu haben, und es ist unendlich liebenswürdig von Ihnen, gnädige Gräfin, daß Sie einem, doch eigentlich vollkommen fremden Menschen eine Ihrer liebsten Stunden zum Opfer bringen! Mein lieber Herr Graf, ich muß ernstlich um Entschuldigung bitten!«