»Ich kenne ihn besser. Er redet grundsätzlich Jedem ab, zur Bühne zu gehen, und was sein Urtheil über mich betrifft – ein so guter Schauspieler er in seinem Fache sein mag –, so kann das für mich keinen entscheidenden Werth haben; denn hat er mich auch nur erst ein einziges Mal in einer wirklich guten, ja, selbst nur in einer mittelmäßigen Rolle gesehen? Habe ich denn hier am Theater – ich weiß selber nicht, weshalb – auch nur ein einziges Mal Gelegenheit bekommen, zu versuchen und zu zeigen, was ich vermag? Nie – nur zu Statisten- oder, kaum mehr als dazu, zu kleinen, erbärmlichen Rollen bin ich verwandt worden, in denen ich kaum ein paar Worte zu sprechen hatte und mich selbst schämte, wenn ich, meiner unwürdig, so da draußen vor dem Publikum stand. Und jetzt sollte ich die Bühne verlassen – jetzt, mit dem nagenden Gefühl im Herzen, daß ich das Zeug zu etwas Besserem in mir trage? – Glauben Sie da selber, bester Herr, daß ich bei irgend einer andern Beschäftigung, die Ihre Güte für mich ausgedacht, Ruhe und Befriedigung fühlen, daß ich ausharren könnte, wo es noch immer in mir gährt und treibt und die Sehnsucht nach der wahren Kunst mich verzehren, aber auch zugleich zu allem Andern untauglich machen würde?«

»Ja, mein lieber, junger Freund,« sagte Jeremias bestürzt, »das wäre ja aber eine ganz verzweifelte Geschichte, und während Sie in der Welt draußen nach der »wahren Kunst« suchen, die ich noch nirgends gefunden habe, so alt ich bin, grämt sich das arme Jettchen daheim die Augen roth und wird zuletzt eine alte Jungfer. Überlegen Sie sich die Sache nur erst ordentlich. Sie glauben gar nicht, was der Mensch Alles kann, wenn er nur ernstlich will.«

»Ich habe mir Alles überlegt, bester Herr, wieder und wieder,« sagte Rebe herzlich – »meine ursprüngliche Carrière, durch welche ich im Laufe der Jahre in der regelmäßigen Staats-Tretmühle meinen bestimmten Platz und die Hoffnung auf Avancement hätte bekommen können, habe ich mir durch meinen Austritt verscherzt; die Herren nehmen Niemanden zum Staatsdienst wieder auf, der einmal Schauspieler gewesen ist, obgleich sie ihre Schauspieler weit besser bezahlen, als ihre Staatsdiener, und dahin ist mir der Weg also gründlich abgeschnitten, – zu etwas Anderem passe ich nicht. Es giebt kaum einen unglückseligeren Menschen für irgend eine Speculation auf der weiten Welt, als mich; zum Kaufmann habe ich nicht das geringste Talent, aber meine ganze Seele hängt am Theater, und wem Gott einen solchen Trieb dazu in's Herz gelegt hat, der darf und kann ihm nicht entsagen, wenn er seinen Lebenszweck nicht verfehlen will.«

»Aber, mein lieber Herr Rebe, ich – ich war auch schon einmal beim Theater – und wobei bin ich eigentlich nicht gewesen?« sagte Jeremias etwas kleinmüthig.

»Und haben Sie je den Drang gefühlt,« rief Rebe begeistert, »der Kunst Alles, Alles opfern zu müssen – selbst Ihr Leben?«

»Könnt' ich gerade nicht sagen,« meinte der kleine Mann kopfschüttelnd – »ich sang und tanzte meinen Stiefel weg und freute mich nur immer auf den Ersten, weil da Gagetag war.«

»Dann hat Ihnen das Verlassen der Bühne auch keine Thräne gekostet.«

»Ne, wahrhaftig nicht,« bestätigte Jeremias – »eh'r im Gegentheil. Ich war seelenfroh, aus der Bude herauszukommen – Kunst – ja Kunst! Ich habe keine Kunst darin entdeckt.«

»Und tadeln Sie mich deshalb, weil ich dabei aushalte, daß ich mein ganzes Leben, mein Glück, mein Alles daran setze, um mein Ziel zu erreichen? Ich kann aber nicht anders, lieber Herr – ich fühle, daß ich in jedem andern Fache, so freundlich Sie mir auch zur Seite stehen würden, eine unselbstständige, gedrückte Stellung einnehmen müßte, während ich hier ein weites, offenes Feld vor mir sehe, meiner Kraft, meinem Ehrgeiz zu genügen. Bring' ich es dann zu 'was, so verdanke ich bei Gott Alles nur mir selbst, was ich erstrebt, und kann dem Besten stolz in's Auge sehen! War es ein Mißgriff, dann wird der arme Rebe Niemandem mehr lästig fallen – Niemand wird mehr von ihm hören und – Niemand auch wohl mehr nach ihm fragen,« setzte er leise hinzu.

»Und ist das Ihr fester und letzter Entschluß?« sagte Jeremias kopfschüttelnd.