»Ich kann nicht anders, lieber Herr,« sagte Rebe herzlich; »ich müßte mich selbst verachten, wenn ich anders handeln wollte.«
»Das ist freilich recht traurig,« nickte der kleine Mann mit dem Kopf, indem er von seinem Stuhl aufstand, »und mir thut dabei Niemand wie das arme Jettchen leid, denn Sie selber wollen es ja nicht besser haben.«
»Mein armes Jettchen!« sagte Rebe leise – »aber sie ist frei!« fuhr er leidenschaftlich fort – »glauben Sie nicht, daß ich sie mit Wort oder Bitte an das Leben eines Unglücklichen fesseln werde! Es war freilich mein schönstes, seligstes Gefühl, der Gedanke, sie mir einst verdienen zu können – aber die Zeit liegt zu fern, zu ungewiß, um sie zu binden! Es war mein heißester Wunsch, sie glücklich zu wissen – ich will nicht die Ursache sein, das Gegentheil herbeizuführen!«
»Sie sind ein braver Mann, mein lieber Herr Rebe,« sagte Jeremias herzlich, indem er ihm nochmals die Hand reichte und die seine herzhaft drückte; »ich glaube, Jettchen würde glücklich mit Ihnen werden, ob Sie nun Schauspieler oder 'was Anderes wären...«
»Sie sind mir böse,« sagte Rebe leise, der wohl bemerkte, daß der Mann noch einen Rückhalt hatte – »Sie halten mich für einen eigensinnigen Trotzkopf, der das Glück des ihm liebsten Wesens gleichgültig von sich stößt, nur um seinem Eigensinn zu fröhnen.«
»Doch nicht,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »ich begreife freilich nicht, wie Jemand mit einer solchen Leidenschaft am Theater hangen und Freude darin finden kann, sich in die Geschichte so – ich weiß eigentlich nicht wie ich sagen soll – so hinein zu bohren. Aber ich begreife, daß Jemand, der fest von irgend etwas überzeugt ist, auch Hals und Kragen dransetzen kann, um es durchzuführen. Aber da stehen Sie allein, da giebt es keinen Menschen, der Ihnen helfen und beispringen kann.«
»Ich weiß es,« sagte Rebe ruhig, »weiß auch, welche schwere Prüfungszeit mich wahrscheinlich noch erwartet, und nur um das bitte ich Sie, denken Sie nicht schlechter von mir, weil ich Ihr freundliches Anerbieten zurückgewiesen habe – glauben Sie nicht, daß ich darum Henriette auch nur um einen Gedanken weniger liebe, weniger bereit wäre, ihr Alles aufzuopfern, aber – ich muß mich später selber achten können. – Kein Vorwurf darf auf meiner Seele lasten, mir meines Strebens einst nicht klar gewesen zu sein, mit Einem Wort: ich muß erst versuchen, ob ich wirklich zu dem, was mein ganzes Sein erfüllt, nicht passe und in der That nicht im Stande bin, mir aus mir selbst heraus eine Carrière zu schaffen. Dann, wenn ich das gethan, wenn ich gesehen habe, daß ich mich geirrt, will ich es aufgeben – nicht mit blutendem Herzen, nein, mit dem ruhigen Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben, und was dann aus mir wird, das weiß nur Gott!«
Jeremias begriff nur halb, was Rebe sagte; er verstand etwa den Sinn der Worte, aber nicht die mächtige Triebfeder seiner Handlungsweise, die er in seiner Sprache mit dem kurzen, aber bezeichnenden Worte »Dickkopf« wiedergegeben haben würde. Aber unter solchen Umständen ließ sich hier auch nichts weiter machen. Er selber hatte sein Möglichstes gethan, Jettchen beizustehen; wenn der bühnentolle Schauspieler nicht wollte, zwingen konnte er ihn nicht.
»Na, mein lieber Herr Rebe,« sagte er aufstehend, »unter diesen Umständen läßt sich vor der Hand gar nicht weiter über die Sache reden. Versuchen Sie's denn in Gottes Namen, und ich selber will Ihnen alles Glück und allen Segen wünschen.«
»Ich danke Ihnen herzlich, mein lieber Herr, aber – erlauben Sie mir denn wohl, daß ich,« setzte er leiser hinzu, »ehe ich von hier fortgehe, Ihrer Tochter noch einmal Lebewohl sage?«