»Das kann man keinem Menschen verwehren,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »Abschied nehmen ist 'was Heiliges, aber – setzen Sie mir dem Mädel keine Schrullen weiter in den Kopf. Es wird dem armen Ding wehe genug thun.« – Und Rebe's Hand noch einmal herzhaft drückend, drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus.

15.
Die Leseprobe.

George Monford hatte wirklich sein Äußerstes geleistet und mit einer ganz fabelhaften Ausdauer alle Schwierigkeiten, die sich ihm durch die Kürze der gegebenen Zeit entgegenstellten, um seine Lieblingsidee zur Ausführung zu bringen, überwunden.

Wer aber jemals selber die Vorstellung eines Liebhabertheaters oder selbst nur das Stellen von lebenden Bildern zu leiten übernommen gehabt, weiß allein, was für ganz verzweifelte Dinge da geschehen können, welch' enorme Rücksichten da genommen und welche Schleichwege eingeschlagen werden müssen, um endlich all' die verschiedenen Köpfe – und je schöner, desto schwerer – unter Einen Hut zu bringen.

George hatte Alles durchzukosten. Hier nahm Einer die ihm überbrachte Rolle an, um sie drei Stunden später wieder unter irgend einem Vorwand zurückzuschicken; dort war eine Person, auf die er fest gerechnet, so plötzlich und ernsthaft erkrankt, daß selbst ein Möglichkeitsversprechen außer aller Frage blieb. Comtesse B. konnte mit Baronesse X. unmöglich zusammen wirken, da sich Letztere über eine neue Robe der Ersteren ungünstig ausgesprochen, was Comtesse Y. zu Ohren von Comtesse B. gebracht hatte. Hauptmann von Z. sah sich nicht im Stande, eine Civilperson zu spielen, während Lieutenant von P. einen Hauptmann vorstellen sollte. Es war rein zum Verzweifeln, all' diesen Bedenken und kleinen Misèren rechtzeitig zu begegnen, und George wechselte an den beiden ersten Tagen an jedem dreimal seine Pferde und kränkte seinen Reitknecht auf das Tiefste, der in der Zeit, in welcher er vor den Häusern hielt, gar nicht wußte, was er mit den unruhigen, ungeduldigen Thieren anfangen sollte.

Endlich, endlich, und ein tiefer Dankesseufzer hob seine Brust, hatte er Alles im Stande, und nach ganz unsagbaren, aber jetzt überwundenen Schwierigkeiten war die erste Leseprobe auf heut Abend festgesetzt.

Um das aber bewerkstelligen zu können, hatte ordentlich eine kleine Verschwörung angezettelt werden müssen, denn Paula durfte natürlich nichts davon merken, und war zu dem Zweck von einer andern, in das Geheimniß gezogenen Familie, die kein Contingent zu der Vorstellung stellte, eingeladen worden.

Rottacks selber hatten sich erboten, diese erste Probe in ihren Räumen abzuhalten, da man damit wechseln wollte, und Graf und Gräfin Monford ihnen schon deshalb an dem nämlichen Morgen eine sehr kurze und sehr steife Gegenvisite für den ersten Besuch gemacht. Es war das einmal Ton, und diese langweilige und für beide Theile gleich lästige Form durfte Niemandem erspart werden.

Paula machte übrigens ganz unbewußt dieser ersten Vorübung die meisten Schwierigkeiten, denn sie erklärte, nicht die geringste Lust zu haben, die Gesellschaft zu besuchen. Sie fühle sich nicht wohl, sagte sie, und scheue sich, unter Menschen zu gehen.

Paula sah in der That seit ein paar Tagen leidend aus; ihre Wangen waren bleich, ihre Augen eingefallen, und das Schlimmste, ihr ganzes Wesen, das sonst von Frohsinn strahlte, schien gedrückt.