Dem Bruder war das vor Allen aufgefallen, denn die Eltern schrieben es, als eine Art von Widersetzlichkeit, dem ausgesprochenen Willen, die Verlobung betreffend, zu und hüteten sich wohl es zu bemerken. Man mußte Paula ein paar Tage sich selber überlassen, dann gab sich das auch Alles von selbst, und sie war wieder die gehorsame, fröhliche Tochter, wie früher.
Nicht so George, der seine Schwester besser kannte. Er sah, sie war wirklich nicht wohl, und zu ihr gehend, schlang er seinen Arm um sie und sagte herzlich:
»Was hast Du, Paula? Was fehlt Dir, Herz? Du siehst wahrhaftig bleich und angegriffen aus!«
»Mir ist nicht wohl, George,« sagte das junge Mädchen, ihr Haupt an des Bruders Brust lehnend und vergebens bemüht, ein paar vorquellende Thränen zurückzupressen; »so viele Dinge gehen mir im Kopf herum – ich muß nur immer denken und denken, und das thut mir so weh!«
»Du darfst nicht grübeln, Schatz,« tröstete sie George und versuchte ihr Antlitz sich zuzuwenden; aber sie litt es nicht. »Daß Du jetzt genug zu denken hast, glaub' ich Dir ja von Herzen gern; aber es sind doch auch nicht solch' traurige Dinge, die Dir dabei im Kopf herumgehen können, um Dich so niedergeschlagen zu stimmen, wie Du jetzt dreinschaust. Hab' guten Muth, mein kleiner, braver Paul,« fuhr er schmeichelnd fort, als sie ihm nichts erwiderte, sondern sich nur fester an ihn lehnte; »Hubert Bolten ist wirklich ein seelensguter Mensch, manchmal ein bischen aufbrausend und leichtsinnig, aber, lieber Gott, das giebt sich Alles von selber, wenn er erst einmal solch' eine kleine Hausfrau hat. Und denke Dir nur, wie glücklich Du Vater und Mutter dadurch machst, die ja ihr ganzes Herz daran gehangen haben – und Hubert, hundertmal hat er mich in der Stadt, wo er mich nur traf, gefragt, wie es Dir ginge und was Du triebest, und zehnmal wär' er schon herausgekommen, wenn ihn die Eltern nicht gebeten hätten, vor der Verlobung jeden auffälligen Schritt zu vermeiden.«
»Ach, George, ich kann Dir gar nicht sagen...«
»Bst, Schatz, da kommt die Mama,« unterbrach sie George rasch, »laß sie Dich nicht so traurig finden. Du weißt, sie kann es nicht leiden, obgleich sie die letzten Tage selber ganz entsetzlich finstere Gesichter geschnitten hat.«
Die Gräfin kam durch den Garten auf die offene Salonthür zu, und Paula hatte sich rasch aufgerichtet und die verrätherischen Thränen abgewischt. George hatte Recht, die Mutter mußte mit ihrem Leid verschont werden, und wo hätte das Kind eigentlich seinen Schmerz am ersten ausschütten, am leichtesten ausweinen sollen, als an dem Herzen der Mutter!
»Nun, Paula, Du bist noch nicht angezogen? Der Wagen wird gleich vorfahren.«
»Im Augenblick, liebe Mutter, ich bin in wenig Minuten fertig; am liebsten blieb ich freilich zu Hause.«